Da, wo ich mit meiner Erzählung stehengeblieben bin, wäre es uns beinahe
betrübt ergangen. Der französische Kaiser war mit seiner ganzen Macht
gegen uns im Anzuge. Unser Hauptquartier war vor unseren Truppen gegen
den Feind zu. Die Kosaken hatten einen Weg nicht beobachtet. Auf diesem
kamen die Feinde ganz in die Nähe von Düben unbemerkt. Glücklicherweise
hatte wir uns entschlossen, an die Saale zu gehen und diesen Entschluss
sogleich zur Ausführung gebracht. Die Truppen waren schon im Marsch. Wir
aßen früher als gewöhnlich, setzten uns dann zu Pferde und folgten.
Kaum hatten wir den Ort verlassen, so zogen Franzosen darin ein. Wir
konnten leicht in Kriegsgefangenschaft geraten. Unser schneller
Entschluss hatte uns diesmal gerettet.
Nun begannen unsere Kämpfe mit
dem Kronprinzen. Er wollte nicht an den Feind. Dieser hatte
Vorspiegelungen von Bewegungen gegen Berlin hin gemacht, und der
Kronprinz ließ sich täuschen. Er wollte über die Elbe zurück und
schickte uns Befehl zu, mit ihm uns zu vereinigen und gleichfalls über
die Elbe zu gehen. Er sagte uns die offizielle Lüge, der Kaiser
Alexander habe uns unter seinen Befehl gestellt. Wir glaubten und
gehorchten nicht. Wir näherten uns vielmehr von Halle aus Leipzig.
Endlich entschloss er sich, uns nachzuziehen und rettete sich dadurch von
Infamie, die ihn sicherlich getroffen hätte, wenn er seinem Vorhaben
getreu geblieben wäre.
Am 16. Oktober schlugen wir, die schlesische
Armee, unsere schöne Schlacht bei Möckern; ich nenne sie schön, weil
sich die Tapferkeit unserer Truppen so hoch darin bewährte. Um das Dorf
Möckern ward blutig gestritten. Endlich ward solches behauptet und der
Feind auf allen Punkten geworfen. Wir eroberten 54 Kanonen.
Am
selbigen Tage war unsere große Armee angegriffen worden. Sie erlitt
Unfälle, verlor Terrain, und nur mit Mühe wurden am Abend ein Teil der
verlorenen Punkte wiedergewonnen, so dass man es dort eine unentschiedene
Schlacht nennen konnte.
Am 17. standen die Armeen größtenteils ruhig
einander gegenüber, zum neuen Kampf sich vorbereitend. Nur wir, die
schlesische Armee, allein griffen mit einem Teil unserer Kavallerie und
reitenden Artillerie den vor uns stehenden Feind an und warfen ihn über
die Partha hinüber.
Der Kronprinz von Schweden war unterdes, aller
Zusagen ungeachtet, stets hinter uns, und zwar mehrere Meilen,
geblieben, ohne Anteil an dem Kampf zu nehmen. Seine schöne Armee ward
uns ganz unnütz.
Da machte sich am 18. des Morgens der alte
Feldmarschall auf, um ihn auf seine Pflicht aufmerksam zu machen. Ich
begleitete meinen Feldherrn nicht, weil ich schon zu sehr indigniert
war. Der Prinz Wilhelm aber ritt mit ihm. Er machte den Dolmetscher und
zwar auf eine vortreffliche Art. Was da dem Prinzen gesagt ward, und
zwar in starken Ausdrücken, tat Wirkung, und der Prinz marschierte.
An
ihn schloss sich unser Korps von Langeron an. Dieses machte dort
abermals den ersten Angriff, während der Kronprinz seine Schweden in
vierter Linie aufstellte. Nun drangen unsere Armeen auf allen Punkten
gegen den Feind vor und verengten den Umkreis. Das Schauspiel war
einzig, eine halbe Million Streiter auf einem kleinen Raum sich
bekämpfen zu sehen.
Wir griffen nun mit unserem sehr schwachen
Sackenschen Korps die Vorstädte von Leipzig an; sie wurden genommen,
wieder verloren und genommen. Der Kampf dauerte bis in die Nacht blutig
fort; wir konnten nur einen Teil derselben behaupten. Das Yorcksche
Korps, das von 19.000 Mann am 16. bis auf 12.700 zusammengeschmolzen war,
hatte der Erholung nötig und nahm an diesem Tage nur wenig am Kampfe
teil.
Mit Eintritt der Nacht hatten unsere sämtlichen Armeen den
Feind auf einen nur kleinen Raum zusammengedrängt. Man hörte Bagagen auf
der Straße von Leipzig nach Weißenfels ziehen. Sofort ließen wir das
Yorcksche Korps in der Nacht noch abmarschieren, um dem Feinde in seinem
Rückzug schnell über Merseburg zu folgen.
Den 19. griff unser
Sackensches Korps abermals Leipzig an. Der Kampf wurde hartnäckig und
für uns sehr blutig. Wir mussten unsere fechtenden Truppen durch andere
von unserm Langeronschen Korps unterstützen lassen. Auch diese verloren
sehr viel. Gewässer deckten die Franzosen. Endlich rückte unser
Bülowsches Korps von der anderen Seite an. Durch die Vorteile der Lage
begünstigt, verteidigten sich die Feinde verzweifelt. Endlich drangen
unsere Preußen durch. Wir mit ihnen zu gleicher Zeit. Da der
Feldmarschall unweit des bestürmten Tores war, so zogen er und sein
Hauptquartier zuerst als Sieger in die eroberte Stadt.
Wie soll ich
Ihnen, verehrte Frau, meine Gefühle beschreiben, als wir von dem
tobenden Hurrageschrei der siegenden Truppen und dem Freudengeschrei der
Einwohner empfangen wurden. Lange Kolonnen von Kriegsgefangenen wurden
uns vorgeführt, an ihre Spitze zu Fuß die Generale Lauriston, Reynier,
Bertrand usw. Eine Stunde später kamen der König und Kaiser Alexander,
noch später der Kaiser Franz und die Generale aller Nationen.
Sie
kennen die schönen Spaziergänge um Leipzig. Diese waren das Schlachtfeld
des l9. Oktobers. Dort war alles mit Toten, Verstümmelten, Trümmern,
Geschützen, Munitionswagen und Gewehren bedeckt. Die Erde war mit Blut
getränkt.
Das bewundernswürdigste war, dass der siegtrunkene Soldat in seinen Reihen geordnet stand und keine Plünderung vorfiel.
Wir
eroberten über 200 Kanonen, 600 bis 700 Munitionswagen, vielleicht 60.000
Gewehre. Mehr als 40.000 Gefangene sind in unsern Händen, darunter
15.000 Gesunde. Es sind dieses Tage gewesen, wie sie die Geschichte nie
gesehen hat. Die verbündeten Truppen haben zwischen 40.000 bis 50.000 Tote und
Verwundete. Man kann den Verlust der streitenden Armeen zu 100.000 Mann
annehmen an Toten und Verwundeten.
Seitdem haben wir, die schlesische
Armee, den Feind verfolgt, ihm etwa 4.000 Gefangene abgenommen, 3.000 bis 4.000
gefangene Russen und Österreicher befreit, ihm Kanonen abgenommen. Alle
Straßen sind mit Munitionswagen bedeckt, zum Teil zerstört. Bei
Freiburg ließ der Feind über 400 Munitionswagen stehen oder vernichten.
Wie
glücklich ich bin, können Sie ermessen. Es gibt kein beseligenderes
Gefühl als Befriedigung einer solchen Nationalrache. Unaufhaltsam
schreiten wir jetzt an den Rhein vor, um diesen vaterländischen Strom
von seinen Fesseln zu befreien.
An Clausewitz habe ich sogleich in
der ersten Verwirrung des Sieges aus Leipzig geschrieben, da dieser
Brief aber etwas mehr als jener enthält, so bitte ich Sie, ihm solchen
mitzuteilen.
An Ihre Hausgenossen meine herzlichsten Grüße. Die
frommen vaterländischen Wünsche, womit sie mich begleiteten, haben ihre
Wirkung getan; sie sind erhört. Gott sei mit Ihnen allen. Beglücken Sie
mich ferner mit Ihrem Wohlwollen.
(Brief vom 23./24. Oktober 1813)
ZUM GEBURTSTAG DES GENERALS
Über den Autor (1760-1831)
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