Montag, 13. Oktober 2014

Rudolf Virchow: Die Einheitsbestrebungen in der wissenschaftlichen Medizin

Alle menschliche Erkenntnis begründet sich auf das Bewusstsein der Einwirkungen, welcher der Einzelne von dem erfährt, was außer ihm ist. / Diese Einwirkungen werden bewusst durch die Veränderungen, welche an den Zentralapparaten des Gehirns erregt werden. / Der gewöhnliche Weg, auf welchem solche Veränderungen hervorgebracht werden, ist der durch die Sinnesorgane, welche zunächst von äußeren Einwirkungen getroffen werden und ihre eigene Veränderung durch einfache oder mehrfache Nervenverbindung zum Gehirn fortleiten. / Der weniger gewöhnliche Weg ist der durch das Blut, welcher zum Gehirn strebt. Ganz ungewöhnlich ist die unmittelbare Einwirkung äußerer Dinge auf Gehirnteile selbst. / Allein sowohl diese unmittelbare als die durch das Blut vermittelte Erregung des Gehirns stellt eine ebenso unsichere und unvollständige als schwierige Quelle der Erkenntnis dar, und der Mensch ist in seiner geistigen Entwicklung daher wesentlich auf die sinnliche Erkenntnis angewiesen.

Der menschliche Stolz hat sich darin gefallen, gegenüber dieser mitgeteilten Erregung eine freiwillige als charakteristische Eigenschaft der menschlichen Spezies aufzustellen, die Spontaneität des Denkens, den Willen. Allein die Beobachtung sowohl der Naturvölker als des einzelnen Menschen von den ersten Tagen seiner Geburt an zeigt uns, dass eine ursprüngliche Spontaneität nicht besteht, sondern dass von Anfang an überall nur Empfindung und Reflextätigkeit oder, wie man sagt, instinktive Tätigkeit ([lateinisch] instinguo von [altgriechisch] stízo, stechen) vorhanden ist. / Das neugeborne Kind fühlt noch allein sich. Es sieht nur die Veränderungen seines Zentral-Sehapparats, es hört nur die Schwingungen seines Zentral-Gehörorgans. Erst durch die gleichzeitige Veränderung mehrerer Sinnesapparate oder durch eine gewisse Reihenfolge der Veränderungen desselben Organs kommt es zur Vergleichung, zur Unterscheidung, zur distinktiven Tätigkeit.

Durch das Unterscheiden gestaltet sich allmählich die Erkenntnis von den Verschiedenheiten zwischen den äußeren Dingen und den inneren Veränderungen des Gehirns, welche durch die Einwirkungen der äußeren Dinge erst hervorgebracht werden, der Gegensatz von Mensch und Außenwelt, das Bewusstsein des Ich. / In dem Maße, als dieses distinktive Isolieren fortschreitet, verliert sich das Instinktive der Tätigkeit und das ursprünglich einheitliche Gefühl geht mehr und mehr in dem Selbstbewusstsein, im Dualismus von Ich und Nicht-Ich auf. / Erst die vorgeschrittene Wissenschaft hat die Einheit des Bewusstseins wieder herzustellen vermocht, indem sie zeigte, dass der Mensch nur der Veränderung seiner Zentral-Gehirnapparate sich bewusst werden kann und dass er von äußeren Dingen nur dann eine Kenntnis erlangt, wenn dieselben durch die Sinnes-Werkzeuge, durch das Blut oder unmittelbar an den zentralen Gehirnapparaten Veränderungen hervorgebracht haben.

(Beginn der 1849 entstandenen Abhandlung; veröffentlicht 1856 im Rahmen seiner 'Gesammelten Abhandlungen zur wissenschaftlichen Medizin')

ZUM  GEBURTSTAG DES ARZTES

Über den Autor (1821-1902)

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