Mittwoch, 1. Oktober 2014

Wilhelm Dilthey: Grundgedanke meiner Philosophie

Der Grundgedanke meiner Philosophie ist, dass bisher noch niemals die ganze, volle, unverstümmelte Erfahrung dem Philosophieren zugrunde gelegt worden ist, mithin noch niemals die ganze und volle Wirklichkeit. Sicher ist die Spekulation abstrakt; ich begreife im Gegensatz gegen den heute herrschenden Kant-Kultus auch diesen großen Denker in sie ein; er kam von der Schulmetaphysik zu Hume, und seinen Gegenstand bilden nicht die psychischen Tatsachen in ihrer Reinheit, sondern die leeren von der schulmäßigen Abstraktion ausgehöhlten Formen von Raum, Zeit usw., und das Selbstbewusstsein bildet nur den Schluss - nicht den Ausgangspunkt seiner Analysis. Ja, in Kant löste sich die abstrakte Verstandesphilosophie selber auf, er hat sie nicht von außen zertrümmert, sondern sein Schicksal war, dass sich in ihm diese Auflösung vollzog. Indem aber der tiefste Punkt, zu welchem Kant gelangte, ein abstraktes Vermögen der Produktion, eine inhaltlose Form war (seinem Ausgangspunkt entsprechend): konnte Form von neuem Form gebären; und indem in den drei Kritiken die psychischen Funktionen isoliert nach der Form entwickelt wurden, konnte der Intellektualismus neu erstehen, Form des bloßen Denkens als Ursprungsort des Absoluten in uns. Was für ein Schauspiel, das so in Kants Kritiken aufgeführt wurde! Das Denken vernichtet den eigenen Anspruch auf eine unendliche und ewige Gestaltung, um ihn im Willen wiederzufinden: eine Gaukelei, da im Denken gesucht wird, was nicht in ihm ist, und zum Willen geflüchtet wird, was von Anfang nur unter seiner Mitwirkung, aus der Totalität unseres Lebens, als höhere Weltansicht entsprang.

Aber der Empirismus ist nicht minder abstrakt. Derselbe hat eine verstümmelte, von vornherein durch atomistische theoretische Auffassung des psychischen Lebens entstellte Erfahrung zugrunde gelegt. Er nehme, was er Erfahrung nennt: kein voller und ganzer Mensch lässt sich in diese Erfahrung einschränken. Ein Mensch, der auf sie eingeschränkt wäre, hätte nicht für einen Tag Lebenskraft!

Die Sätze, durch welche ich der Philosophie der Erfahrung die ihr notwendige vollständige Grundlage zu geben versuche, sind:
1. Die Intelligenz ist nicht eine Entwicklung in dem einzelnen Individuum und aus ihm begreiflich, sondern sie ist ein Vorgang in der Entwicklung des Menschengeschlechtes, und dieses selber ist das Subjekt, in welchem der Wille der Erkenntnis ist.
2. Und zwar existiert sie als Wirklichkeit in den Lebensakten der Menschen, welche alle auch die Seiten des Willens und der Gefühle haben, und demgemäß existiert sie als Wirklichkeit nur in dieser Totalität der Menschennatur.
3. Der korrelate Satz zu diesem ist: nur durch einen geschichtlichen Vorgang der Abstraktion bildet sich das abstrakte Denken, Erkennen, Wissen.
4. Diese volle wirkliche Intelligenz hat aber auch in sich die Religion oder Metaphysik oder das Unbedingte als eine Seite ihrer Wirklichkeit, und ohne diese ist sie nie wirklich und nie wirksam.

Die Philosophie, so verstanden, ist die Wissenschaft des Wirklichen.

Jede positive Einzelwissenschaft hat es mit einem Teilinhalte dieser Wirklichkeit zu tun. Ist der Gegenstand der Jurisprudenz, der Ethik, der Ökonomie nicht dasselbe menschliche Handeln unter verschiedenen Gesichtspunkten? Jede dieser Theorien hat es mit einem Teil, einer bestimmten Seite, Beziehung des Handelns der Menschen und der Gesellschaft zu tun.

Und hier ergibt sich die reformatorische Bedeutung der Philosophie der Wirklichkeit in bezug auf die positiven Wissenschaften. Indem sie die Beziehungen der abstrakten Tatsachen zueinander in der ganzen Wirklichkeit entwickelt, enthält sie die Grundlagen, auf welchen diese Wissenschaften sich, von der Isolierung der Abstraktion befreit, entwickeln müssen.

(Um 1880 verfasster, erstmals 1922 in den "Gesammelten Schriften" aus dem Nachlass veröffentlichter Text; enthalten in dem Reclamheft 'Wilhelm Dilthey: Das Wesen der Philosophie')

ZUM TODESTAG DES PHILOSOPHEN

Über den Autor (1833-1911)

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