LACROIX. Die Schale des Blutes darf nicht steigen, wenn sie dem
Wohlfahrtsausschuß nicht zur Laterne werden soll; er hat Ballast nötig,
er braucht einen schweren Kopf.
DANTON. Ich weiß wohl – die Revolution ist wie Saturn, sie frisst ihre eignen Kinder.
(Nach einigem Besinnen:) Doch, sie werden's nicht wagen.
LACROIX. Danton, du bist ein toter
Heiliger; aber die Revolution kennt keine Reliquien, sie hat die Gebeine
aller Könige auf die Gasse und alle Bildsäulen von den Kirchen
geworfen. Glaubst du, man würde dich als Monument stehen lassen?
DANTON. Mein Name! das Volk!
LACROIX. Dein Name! Du bist ein
Gemäßigter, ich bin einer, Camille, Philippeau, Hérault. Für das Volk
sind Schwäche und Mäßigung eins; es schlägt die Nachzügler tot. Die
Schneider von der Sektion der roten Mütze werden die ganze römische
Geschichte in ihrer Nadel fühlen, wenn der Mann des September ihnen
gegenüber ein Gemäßigter war.
DANTON. Sehr wahr, und außerdem – das Volk ist wie ein Kind, es muß alles zerbrechen, um zu sehen, was darin steckt.
LACROIX. Und außerdem, Danton, sind
wir lasterhaft, wie Robespierre sagt, d.h. wir genießen; und das Volk
ist tugendhaft, d.h. es genießt nicht, weil ihm die Arbeit die
Genussorgane stumpf macht, es besäuft sich nicht, weil es kein Geld hat,
und es geht nicht ins Bordell, weil es nach Käs und Hering aus dem Hals
stinkt und die Mädel davor einen Ekel haben.
DANTON. Es hasst die Genießenden wie ein Eunuch die Männer.
LACROIX. Man nennt uns Spitzbuben, und
(sich zu den Ohren Dantons neigend) es
ist, unter uns gesagt, so halbwegs was Wahres dran. Robespierre und das
Volk werden tugendhaft sein. St. Just wird einen Roman schreiben, und
Barère wird eine Carmagnole schneidern und dem Konvent das
Blutmäntelchen umhängen und – ich sehe alles.
DANTON. Du träumst. Sie hatten nie
Mut ohne mich, sie werden keinen gegen mich haben; die Revolution ist
noch nicht fertig, sie könnten mich noch nötig haben, sie werden mich im
Arsenal aufheben.
LACROIX. Wir müssen handeln.
DANTON. Das wird sich finden.
LACROIX. Es wird sich finden, wenn wir verloren sind.
(Aus dem ersten Akt des 1835 erschienenen Dramas)
ZUM GEBURTSTAG DES SCHRIFTSTELLERS
Über den Autor (1813-1837)
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