Sonntag, 5. Oktober 2014

Bernard Bolzano: Wissenschaftslehre

Es gibt auch gegenstandlose Vorstellungen. / So wahr es ist, dass die meisten Vorstellungen gewisse, ja selbst unendlich viele Gegenstände haben: so behaupte ich, dass es doch auch Vorstellungen gebe, welche ich oben gegenstandlos genannt, d.h. welche gar keinen Gegenstand und somit auch gar keinen Umfang haben. Am unwidersprechlichsten däucht mir dieses der Fall zu sein bei dem Begriffe, den das Wort 'Nichts' bezeichnet; indem es mir ungereimt scheint, sagen zu wollen, dass selbst noch dieser Begriff einen Gegenstand, d.h. ein Etwas, das er vorstellet, habe. Wenn jemand Anstand nimmt, dieses für ungereimt zu erklären, sondern im Gegenteile ungereimt findet, zu behaupten, dass eine Vorstellung gar keinen Gegenstand haben und also nichts vorstellen soll: so kommt dies wohl nur daher, weil er unter Vorstellungen bloß gedachte Vorstellungen, das ist Gedanken verstehet, und den Stoff, den diese haben (die Vorstellung an sich) für ihren Gegenstand ansieht. So mag man wohl sagen, dass auch der Gedanke Nichts einen Stoff hat, nämlich den objektiven Begriff des Nichts selbst. Dass aber auch diesem noch ein gewisser Gegenstand zu Grunde liege, ist eine Behauptung, die sich schwerlich rechtfertigen lässt. Ein Gleiches gilt von den Vorstellungen: rundes Viereck, grüne Tugend und dergleichen. Wohl denken wir etwas bei diesen Ausdrücken und müssen es denken; das aber ist nicht der Gegenstand dieser Vorstellungen, sondern die Vorstellung an sich. Bei diesen Beispielen leuchtet es übrigens gleich von selbst ein, dass ihnen kein Gegenstand entsprechen könne, weil sie demselben Beschaffenheiten beilegen, welche einander widersprechen. Allein es dürfte auch Vorstellungen geben, die nicht eben, weil sie ihrem Gegenstande widersprechende Bestimmungen beilegen, sondern aus irgend einem anderen Grunde gegenstandlos sind. So sind die Vorstellungen: goldener Berg, ein eben jetzt blühender Weinstock, vielleicht ohne Gegenstand, obgleich sie eben nichts Widersprechendes enthalten.

(Paragraph 67 des 1837 erschienenen Werks)

ZUM GEBURTSTAG DES PHILOSOPHEN

Über den Autor (1781-1848)

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