Ich glaube: ja, der Mensch sollte es.
Die Kirche hat ihn gelehrt, dass die große
Abrechnung für das Leben erst lange, lange nachher, im fernen Jenseits,
erfolgt, und wie manches Gewissen tröstet sich damit und versäumt es,
den kurzen Erdentraum zu etwas anderem als zu flüchtigem Genuss zu
benutzen und die Ewigkeit schon hier in die Zeit zu bannen. Wieviel
ernster würden viele das Leben nehmen, wenn sie von früh auf wüssten, daß
sie hier verantwortlich sind für das, was sie aus dem Leben
machten und dass es traurig sein muss, gesenkten Hauptes und mit schwer
beladenem Bewusstsein an der Schwelle des Ausgangs zu stehen, durch den
man nie zurückkommt.
So empfange denn mein Lebewohl, Welt! Ich danke
dir für das Dasein, das mir die Möglichkeit gab, ein erkennendes,
empfindendes Wesen zu werden! Ich hätte wohl mehr tun, mehr werden
sollen, aber man ist doch nicht alles aus sich allein, man ist zum Teil
auch das Produkt äußerer Umstände und Einflüsse, und du hast mir in der
Jugend manches versagt, was du von Hilfsmitteln der heutigen Jugend
verschwenderisch zuerteilst. Worauf es jedoch hauptsächlich ankommt, das
ist doch ein reines, hohes Wollen und das unablässige Bemühen, es zur Tat werden zu lassen,
nicht wahr? Danach richte mich denn und erteile mir heiteren Ablaß für
alles Irren und Fehlen, denn du hast es mir auch nicht immer leicht
gemacht, und in schweren Prüfungsstunden hast du mich umsonst nach Hilfe rufen lassen, bis ich mich ermannte und mir selber half.
Ich habe dich geliebt, schöne Erde, und mit Wonne
das Geheimnis ewiger Schönheit im Anschauen deiner herrlichen Gebilde
geahnt. Ich danke dir für alle Stunden reiner Freude, für deine
Sonnenuntergänge, für deine Sternenhimmel, für deine Frühlinge, deine
lieben Blumen, deine Wälder, deine Berge, deine Meere. Genossen habe ich
die Freude an dir mit vollen Zügen, und wenn es noch schönere Erden
gibt, so warst du mir hohe Vorbereitung auf das Höhere.
Lebt wohl, ihr Menschen, geliebte, meinem
Herzen nahe Freunde und unbekannte, mir freundlich Gesinnte in der
großen Menge. Habt Dank für alle Liebe, für alle Güte und Treue, alles
von meinem Herzen warm erwidert. Um uns schlingt sich ein unzerreißbares
Band der Gemeinschaft, der wahren, unsichtbaren Kirche der Freien, die
in stetem Wandel höher und höher steigen, bis dahin, wo sie den Schleier
vom Angesicht der Wahrheit lüften und das göttliche Geheimnis der
Existenz in voller Klarheit erkennen können.
Leb wohl auch, Menschheit, und nimm ein ernstes
Wort als Abschiedsgruß hin, von einer, die bald geht und keine irdischen
Rücksichten mehr kennt. Nahezu ein Jahrhundert ist vor meinem Blick
vorübergegangen; es waren Augenblicke höchster Idealität darin: sie
wurden aber leider immer nur zu rasch von der traurigsten Realität
verdunkelt und jetzt, am Ende des Jahrhunderts, kann man wohl fragen: wo
ist der Fortschritt? Ringsum folgt sich Krieg auf Krieg und noch immer
muss die Gewalt der Waffen entscheiden, wenn es sich um Fragen der
Gerechtigkeit und Humanität handelt. Die Wissenschaft hilft fortwährend
neue, unfehlbare Mordwerkzeuge zu erfinden, und sie werden höher
bezahlt, als die Werke hoher Kunst und Kultur. Sie erforscht die Mittel,
die Gesundheit zu stärken und zu erhalten, aber statt dessen ist die
heutige Jugend weichlicher und nervenschwacher als in früheren
Generationen. Der materielle Reichtum vermehrt sich aus hundert neuen
Quellen, aber Armut und Elend
wachsen in gleichem Maße und sehen uns aus hohlen Augen verkümmerter
Gesichter vorwurfsvoll an. Und die höchsten Interessen des Daseins:
Veredlung der Sitten, wirkliche Bildung, Erhebung des Gemüts durch die
Werke hoher Kunst, Übung der ausgedehntesten Vorschriften der Humanität
und Handhabung strenger Gerechtigkeit, ist das alles die erste,
heiligste Aufgabe derer, die an der Spitze des Völkerlebens stehen? O
Menschheit, schlag an deine Brust und bekenne dich schuldig. Noch immer
tanzest du ums goldene Kalb; noch immer greifst du zur Gewalt, anstatt
zum Recht; noch immer ziehst du die bösen Leidenschaften groß, die zu
Raub und Mord führen und zur Strafe durch Gefängnis und Galgen; noch
immer trennst du die Völker durch Intrigen, Eifersucht, Egoismus und
verkehrte Mittel der Staatskunst, anstatt sie durch Redlichkeit und
Größe der Gesinnung zu hohen, gemeinsamen Aufgaben wahrer Kultur zu
vereinen, und was es für empörende Folgen haben kann, wenn es in den
zivilisierten Staaten erlaubt ist, dass einer im anderen spioniere, davon
gibt uns heute, am Ende des 19. Jahrhunderts, das sich seiner
Aufklärung rühmt, Frankreich das traurige Beispiel.
Ein neues Jahrhundert bricht an. Lass es ein
Jahrhundert des Friedens und der Tugend werden. Bedenke deine
Verantwortung vor der Zukunft und den kommenden Geschlechtern. Richte
deinen Blick von dem »allzu Flüchtigen« auf das allein des Strebens
Werte und baue an dem Tempel, in dem einst das Urbild aller Vollendung
stehen und, segnend die Hände über die Welt breitend, sagen wird: »Und
es ward Licht.«
Mit diesem Wunsche, mit dieser Bitte, mit diesem Segen sage ich auch dir, Menschheit, mein Lebewohl.
ZUM GEBURTSTAG DER SCHRIFTSTELLERIN
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