Der Bruch mit der Kirche und der Religion ist vollständig
geworden. Die neuere Bildung und das befreite Selbstbewußtsein sind
nicht nur von den Kirchensatzungen frei geworden, sondern sie haben sich
vollständig von aller Religion befreit. Wie ruft man uns entgegen, wie?
Ihr wollt die Religion auflösen, stürzen, ausrotten? Welcher rohe
Übergang von der Theorie zur Praxis! Wir haben sie vielmehr aufgelöst
und gestürzt – aber rein und allein durch die Theorie. Die Theorie, aber
die wahre, die rücksichtslose Theorie, d. h. die Theorie, die ihren
Gegenstand – (die Religion) – nicht so, wie er es eigensinnig genug
verlangt – (denn er kann sich ja über sich selbst täuschen) – nicht so,
wie er es grollend und donnernd verlangt – (um so schlimmer! Seine
Heftigkeit spricht gegen ihn: warum würde er sonst praktisch, durch
Drohungen erreichen wollen, was er viel sicherer auf dem Wege der
freigelassenen Forschung erreichen müßte) – kurz, die den Gegenstand
nicht nach seinen Voraussetzungen betrachtet – (denn diese können ja
sehr falsch, ein Vorurteil, eine verkehrte Auffassung seiner selbst, ein
falscher Schein sein) — sondern diese Voraussetzungen selbst in
Untersuchung zieht, diese Theorie hat die Sache der Religion
entschieden.
Nicht wir sind roh praktisch, sondern die Religion ist es, wenn sie schlechtweg anerkannt sein will, wenn sie die wirkliche Erkenntnis verpönt und nur eine Forschung dulden will, die von der Furcht vor ihren Drohungen geleitet und bestimmt wird. Die Religion ist praktisch, wenn sie ihre Voraussetzungen nicht geprüft wissen will oder, falls sie den liberalen Forderungen der Welt nicht mehr widerstehen kann, nur eine Forschung duldet, die zuletzt ihre Voraussetzungen anerkennt. So praktisch ist die Religion, daß es ihr zuletzt völlig gleichgültig ist, wie und in welcher Weise ihre Voraussetzungen anerkannt werden, wenn es nur geschieht; ja zuletzt ist sie zufriedengestellt, wenn es auch nur zum Scheine, wenn es heuchlerisch geschieht. Wir allein verhalten uns rein theoretisch zu der Religion, wenn wir ihre Voraussetzung, die Voraussetzung, daß sie zwei Welten angehöre, der himmlischen und der irdischen, ihre Voraussetzung, daß sie das einzige Band zwischen der himmlischen, wesentlichen und der irdischen, unwesentlichen Welt sei, untersuchen. Ihr Andern seid es, die ihr auch nach dieser theoretischen Arbeit der Kritik, wenn sie bewiesen hat, daß jene beiden Welten nur innere Gegensätze des Selbstbewußtseins und von der Religion nur falsch aufgefaßt sind, euch noch praktisch verhaltet. Ihr untersucht nicht die Theorie und beweist ihr nicht, daß sie falsch sei, sondern ihr klagt sie nur an, macht ihr Vorwürfe, sagt, sie sei tyrannisch usw. Jede eurer Wendungen, die ihr gegen die Kritik gebraucht, ist praktisch – die vollendetste Praxis, die ihr befolgt, ist aber die, daß ihr die Arbeiten der Kritik endlich ganz und gar ignoriert und widerwillig euch gegen sie abschließt.
Unsere Praxis ist die Erkenntnis, die uns alle Täuschungen, welche die Religion sich über sich selbst vormacht, auflöst. Die Theorie hat uns von diesen Illusionen – von der Religion selbst befreit.
Nun, so erklärt doch, ruft man uns zu, daß ihr aus dem religiösen und kirchlichen Verbände ausgetreten seid oder auszutreten entschlossen seid.
Seht, wie wenig es euch um die Sache, um die Wahrheit, um Menschlichkeit zu tun ist!
Meint ihr, damit wäre etwas getan, wenn wir ohne weiteres über die religiösen und kirchlichen Schranken hinwegsprängen? Jeder Bube, jeder Abenteurer kann es tun, und der Pfahlbürger, der in der Sorge für seine egoistischen Interessen versumpft ist, hat es in seiner Weise längst getan, wenn er seine Blicke über den Sumpf seines täglichen Lebens nicht hinausrichtet und jene Schranken dadurch für seine Person aufhebt, daß er sie ignoriert.
Meint ihr, es käme uns nur auf unsere Person an und wir wären befriedigt, wenn wir nur frei sind?
Auch unter dem Papsttum, als es die höchste Stufe seiner Macht erreicht hatte, gab es Atheisten, und zwar Atheisten sehr verschiedener Art. Lest einmal eine Seite in Calvins Schriften, und ihr werdet erfahren, wie viel und wie vielerlei Atheisten es in einer Zeit gab, die sonst als ganz besonders glaubenskräftig gepriesen wird.
Wir wollen nicht nur für unsere Person mit Kirche und Religion brechen, sondern auf eine allgemeine Weise, so daß der Bruch eine Angelegenheit der Welt, die allgemeine Sache der Geschichte wird.
Nichts aber ist allgemeiner als die Theorie, die es nur mit der Natur des Gegenstandes zu tun hat und auf die allgemeine wahrhafte Natur des Menschen rechnen darf, wenn es sich darum handelt, die Wahrheit einer Sache zur Anerkennung zu bringen. Was ich für meine Person tue, nur zwischen meinen vier Wänden tue, kann andern höchst gleichgültig sein. Wenn ich es öffentlich tue, kann mein Beispiel ansteckend sein und andere zur Nachfolge bewegen; aber selbst in diesem glücklichsten Falle wird die Sache nur zu einer Angelegenheit der Mode, die morgen schon lächerlich sein kann. Was hat es selbst Ludwig XIV. geholfen, die Frömmigkeit zur Mode zu machen? Nichts, als daß er die folgende Mode um so pikanter machte und die Leute reizte, sie um so lieber mit der seinigen zu vertauschen. Nein! zur Sache, wollen wir endlich kommen! In der Theorie wollen wir fertig werden, um der Geschichte ein für allemal ihren neuen Weg zu bereiten.
Das Innere, das Wesen der Sache soll enthüllt, die Tiefe des Geistes soll aufgerissen werden, damit die Menschheit weiß, woran sie ist, damit unser wahres Wesen, welches die Religion uns geraubt und vorenthalten und arg entstellt hat, wieder als unser selbst, als unser wahres, reines Wesen zu uns selbst komme, sich in uns entwickle und endlich frei werde. Darum muß die Theorie rücksichtslos den Gegenstand, die Religion sezieren und die Vorurteile, die Fesseln, die Bande, das falsche Fleisch von unserm Herzen abreißen.
Wozu verlangt ihr also eine Erklärung von unserer Seite, daß wir aus dem religiösen und kirchlichen Verband herausgetreten seien? Sind denn unsere Arbeiten für euch nicht da? Seid ihr für die Theorie so ganz und gar unzugänglich, daß ihr nicht einmal von ihr die richtige Notiz nehmen könnt? Die Kritik arbeitet sich durch alle religiösen und kirchlichen Voraussetzungen hindurch; soll sie nun, wenn sie am Schluß alle Schranken aufgelöst hat und wirkliche Freiheit geworden ist, noch besonders vor euch hintreten und sagen: „ich bin frei!“ Wie läppisch! Wollt ihr uns jene Maler preisen, die den Gestalten noch nicht ihren wahren Ausdruck geben konnten und ihnen Zettel in den Mund legen mußten, auf denen ihr Inneres mit klaren Worten zu lesen war? Oder malt sich die Kritik so schlecht ab, daß sie in der Unterschrift noch besonders sagen muß, was sie ist oder was sie nicht ist?
Der Kritiker kann und darf nicht einmal auf den Gedanken kommen, zu erklären, daß er aus dem kirchlichen Verbände heraustrete. Erstens würde er seiner Arbeit ein Dementi und, falls sie gediegen ist, ein ungerechtes und sinnloses Dementi geben, wenn er als einzelne Person erst noch glaubte sagen zu müssen, was er richtig nur sagen konnte, als er sich als allgemeine Macht mit der Sache beschäftigte. Sodann würde er sein Werk noch in einer andern Weise Lügen strafen, wenn er mit einer Erklärung auftreten wollte, welche die Kirche, deren Grundlage und Voraussetzungen er vernichtet hat, noch als eine Macht anerkennen würde. Die Kirche, aus deren Verband ich trete, erkenne ich durch den Austritt selbst als eine Macht an, der ich mich nur durch die Flucht entziehen kann und der ich mich im Gegenteil unbedingt unterwerfen müßte, wenn ich nicht ausdrücklich aus ihrem Verbände heraustrete. Für den Kritiker hat aber die Kirche keine Macht mehr, der er sich durch die Flucht entziehen müßte.
Er flieht nicht aus dem Gefängnisse, sondern er will, daß es überhaupt nicht mehr stehenbleibe. Er bestürmt es nicht von außen, sondern zerbröckelt es von innen. Er bleibt mit Willen im Gefängnisse, um zu zeigen, daß es für die Freiheit kein Gefängnis ist, daß nämlich die wahre, ernstliche Freiheit seine Mauern zersprengt. Wäre ich freiwillig aus der theologischen Fakultät getreten, so wäre die Sache nur für meine Person und zwar sehr falsch abgemacht, da ich mit meinem Austritt erklärt hätte, daß die Kritik und freie Forschung gegen die Gesetze und Voraussetzungen der Fakultät schlechthin Unrecht hätten. Die Konsequenz einer geschichtlichen Existenz ist überhaupt noch niemals freiwillig aus ihr herausgetreten, sondern immer von ihr ausgestoßen. Wir treten nicht aus der Fakultät, sondern diese stößt uns aus; wir treten nicht aus der Kirche, sondern diese hat uns auszustoßen, wenn sie noch so viel Kraft und Willen hat, als zu diesem Akte gehört.
Aus der theologischen Fakultät uns zu stoßen oder uns den Zutritt zu ihr zu erschweren oder völlig abzuschneiden ist leicht, da sie die Form einer weltlichen, beschränkten Korporation hat und die Regierungsgewalt ihr unmittelbar zur Hilfe kommen kann. Es ist auch deshalb leicht, weil wir durch unser Recht, durch unsere Ansprüche oder durch unser Verlangen, in ihren Verband zu treten, mit ihr in unmittelbare Berührung kommen und unsere Person ihr darbieten.
Schwerer ist es aber der Kirche, so viel Courage zu fassen, uns von ihr auszustoßen. Sie hat keine hierarchische Repräsentation mehr, weil sie in der Tat keinen kräftigen, besonderen Willen mehr hat – (der Staat hat ihn sich angeeignet) –, und wir fallen ihr durch das Verlangen, an ihrem Segen und an ihren Gnadenmitteln teilzunehmen, eben nicht zur Last. Sollte sie sich nun dennoch – obwohl nicht abzusehen ist, wie sie als Kirche dazu die Mittel und Wege finden könnte – so weit aufraffen, daß sie uns ausdrücklich exkommunizierte: – wäre es dann für uns Zeit zu erklären, daß wir aus ihr heraustreten oder bereits längst ausgetreten seien? Ei! Sprechen wir doch nicht über Hirngespinste! Die Kirche hat keinen besonderen Willen mehr, den sie gegen uns richten könnte.
Zunächst ist sie sublimiert in das bloße allgemeine Gerede über die Notwendigkeit des kirchlichen Lebens. Sollen wir nun erklären, daß wir an diesem Gerede keinen Anteil mehr nehmen? Wozu? Sollen wir uns am Ende auch auf die Straße stellen und sagen und öffentlich bekannt machen, daß wir keine Kinder mehr sind?
Aber eine ungeheure Macht ist die allgemeine Machtlosigkeit, die über alle öffentlichen und Privatverhältnisse, über Kunst und Wissenschaft herrscht und jeden, der sie enthüllt und durch die Tat widerlegt, als einen Verräter und Unmenschen bezeichnet. Sagt es einmal, daß ihr in der Natur die Natur und nichts als die Natur, in der Menschheit die Menschheit und nichts als die Menschheit sehet, daß ihr die Naturerscheinungen als Naturerscheinungen betrachtet, alle menschlichen Verhältnisse als menschliche nehmt, pflegt und durchlebt, daß ihr die Kunst als Kunst, die Wissenschaft als Wissenschaft liebt und pflegt, daß ihr alle eure Bedürfnisse aus der Natur, aus euch selbst, aus dem Schatz der Geschichte und aus dem unversieglichen Quell, der aus der Berührung mit der Menschheit fließt, befriedigt, sagt es, und jene Machtlosigkeit wird gegen euch in Wut und Raserei geraten. Wie? wird sie sagen, über die Natur hinaus richtet ihr euren Blick nicht nach oben, ihr glaubt, daß die Menschheit sich selbst genüge, ihr wollt Kunst und Wissenschaft nicht als Dienerinnen des Höchsten allein betrachten? Wie? erhitzt sich jene Mutlosigkeit weiter, die Natur ohne ihren Schöpfer ist euch nicht ein bloßer Erdklumpen, die Menschheit ohne ihren Herrn ist euch nicht ein bloßes Nichts, Kunst und Wissenschaft, wenn sie sich von der Religion emanzipieren wollen, sind euch nicht die Erfindungen des Teufels? Die Natur, schließt endlich diese ohnmächtige Wut, ist nichts als der Moder der Verwesung, der Mensch ohne seinen Herrn ein Tier, das nach einer Reihe unseliger Täuschungen die letzte Täuschung erfährt, daß es unbefriedigt zusammenfällt, Kunst und Wissenschaft, wenn sie nichts als Kunst und Wissenschaft sein wollen, sind nichts als Schein und Lüge. Nachdem diese Wut der Zerstörung sich gegen alles, was es im Himmel und auf Erden gibt, vergangen und alles, das Edelste und Beste mit Füßen getreten hat, spricht sie in dem Opiumrausch ihrer Zerstörungssucht von einem künftigen Zustande, wo alles neu geworden, oder vielmehr, wo ein ganz Neues, jetzt ganz Undenkbares, eine Natur, die nicht Natur, eine Menschheit, die nicht Menschheit ist, geschaffen wird, d. h. wo das Nichts herrscht, in welches sie alles Wirkliche gestürzt hat.
Seht, diese Mutlosigkeit ist die ungeheure Macht, mit deren trägem Widerstand – einem Widerstande, der sich aber jetzt, wo allem auf den Leib gegangen wird, mit der Leidenschaft und dem Fanatismus verbinden wird, – ihr zu kämpfen habt. Sie will nicht zugeben, daß die Menschheit endlich Zutrauen zu sich selbst fasse, sich als den einzigen Quell für die Befriedigung ihrer Bedürfnisse kennenlerne und sich auf sich selbst verlasse. Sie will eigentlich nicht die Arbeit, fürchtet die Tapferkeit und erschrickt vor der Freiheit.
Diesem letzten Feinde der Menschheit, des Denkens und der Freiheit ist es nicht um die Aufrechterhaltung der kirchlichen Satzungen und Dogmen zu tun – sie sind ihm so gut wie unbekannt –, er interessiert sich nicht für die Schrift gegen die Kritik, die Frage nach der Echtheit oder Unechtheit der biblischen Schriften ist ihm höchst gleichgültig: sein Gott und sein Himmelreich sind vielmehr die reine Unbestimmtheit, die Unklarheit, die Inhaltslosigkeit selbst, d. h. sie sind nichts als ein anderes Wort und der kurze Ausdruck für die Unbestimmtheit, in der ihm alle menschlichen Verhältnisse erscheinen, für die Unklarheit, mit der er die Welt betrachtet, für die Trägheit, sich wirklich auf diese Welt einzulassen, für das Nichts, als welches ihm alle menschlichen Bestrebungen erscheinen. Wer in dem Kreise, in dem er lebt, in der Familie, in der bürgerlichen Gesellschaft, im Staat nicht die Seele herauszufinden weiß und mit ihr eins zu werden vermag, für den also alle diese Kreise etwas Fremdes und Geistloses sind, der kann allerdings in ihnen nichts Befriedigendes finden: er glaubt nur an die Fremdheit und Geistlosigkeit dieser Kreise, ihr Wesen ist ihm fremd und geistlos, er glaubt nur an dies fremde Wesen, und dieses Wesen ist ihm Gott und die jenseitige, zukünftige Welt. Der Geschäftsmann, der in seinem Bureau arbeitet, ohne zu denken und zu wissen, daß seine Arbeit einem größern Ganzen dient, der also im Mechanismus seiner beschränkten Arbeit versteinert und mit dem Staatsganzen in keinem ausdrücklichen und lebendigen Zusammenhange steht, drückt diese Zusammenhangslosigkeit mit dem Wesen des Staats und die Entfremdung des Staatsganzen gegen ihn in dem Glauben an ein Wesen und an eine jenseitige Welt aus, die ihm und der Welt, in der er lebt, fremd sind und außer allem Zusammenhang mit ihr stehen. Ebenso der Theoretiker, dem das Wesen der Sache, die er behandelt, fremd bleibt und der es nicht wagt, dieses Wesen zu ergreifen und als die menschliche Freiheit zu denken, der Theoretiker also, der ein Sklave seines Gegenstandes bleibt, und zwar der Sklave eines unerkannten Gegenstandes, muß die knechtische Abhängigkeit von einem fremden Wesen zu seiner wahren und höchsten Bestimmung machen: – er tut es in der Religion. Seine Unfähigkeit, den innern Zusammenhang der Begebenheiten zu erkennen und in der Geschichte das Werk der menschlichen Freiheit zu sehen, verehrt der Geschichtsforscher als die göttliche Vorsehung, und die Langeweile, welche die Trägheit in der Weltgeschichte empfindet, verwandelt sich ihr, weil sie diese Langeweile für das Richtige und für den notwendigen Eindruck der Geschichte hält, in die Langeweile eines inhaltslosen ewigen Lebens.
Obwohl nun diese Unbestimmtheit und Unklarheit gegen die kirchlichen Satzungen höchst gleichgültig ist, ja sogar sich nicht wenig darauf einbildet, daß sie sich von den „Menschensatzungen“ befreit hat, und wacker gegen die „Finsterlinge und Fanatiker“ zu sprechen weiß, obwohl sie sogar gegen den öffentlichen Religionskultus gleichgültig sein kann und gewöhnlich es wirklich ist – wie viele, die den Atheismus der Kritik verabscheuen und auf einmal die leidenschaftlichsten Verteidiger des Glaubens an Gott und an ein jenseitiges Leben geworden sind, haben wohl seit Jahren das Innere einer Kirche gesehen? –, trotz dieser Gleichgültigkeit gegen die Kirche ist jene Unbestimmtheit dennoch die Vollendung des kirchlichen Wesens. Sie ist gerade die furchtbarste Entfremdung der Menschen gegen sein wahres Wesen. Wie die Kirche verhält sie sich gegen alle menschlichen Verhältnisse gleichgültig oder feindlich, wie die Kirche ereifert sie sich gegen diejenigen, die es mit jenen Verhältnissen ernst meinen, sie als etwas Wesentliches betrachten und sich in ihr wahres Wesen vertiefen, wie die Kirche behauptet sie zwar, daß sie erst den menschlichen Bestrebungen und Verhältnissen ihre wahre Weihe gebe, aber wie die Kirche gibt sie ihnen auch nur eine äußerliche und falsche Weihe und läßt sie nachher diese Verhältnisse gehen und sich entwickeln, wie sie wollen, d. h. sie läßt sie schlecht genug gehen, da sie ihnen nicht in ihrem wahren Wesen ihren Halt gegeben hat, sie muß sie sogar verderben, da sie ihnen wie dem Staat, der Familie, der Kunst, der Wissenschaft schlechthin verwehrt, in ihnen selbst ihren Halt zu suchen.
Die völlige Mutlosigkeit und Verzweiflung des Menschen an sich selber ist die Vollendung des kirchlichen Wesens, welches den Menschen von seiner Welt abzieht und, wenn es ihn dennoch sich nicht ganz entfremden kann, ihm gebietet, wenigstens nur heuchlerisch in dieser Welt zu leben.
Die Kirche verspricht dem Menschen eine neue Natur, d. h. eine Natur, die keine ist, aber solange er in dieser Welt ist, muß sie ihm diese Natur lassen und ihm erlauben, daß er durch seine Arbeit ihr seine Subsistenz abgewinne. Aber eigentlich soll er in der Natur nicht die Natur sehen, er soll seiner Arbeit nichts verdanken, er soll nichts sein. Sie gebietet ihm daher, in der Natur nicht ihre Gesetze, in ihrer Tätigkeit nicht die Äußerung ihrer Gesetze, in seinem Genuß nicht den Erfolg seiner Arbeit zu sehen: seine Arbeit soll er vielmehr unter der Form des Gebets, das sich nicht an das Gesetz, sondern nur an einen veränderlichen Willen richten kann, verbergen und nachher desavouieren, indem er im Danke den Erfolg derselben einem fremden Willen zuschreibt. D. h. der Mensch soll sich mit der Natur zu tun machen und doch auch wieder nicht, er soll arbeiten und tun, als ob er nicht arbeite, und wenn er gearbeitet hat, soll er sich stellen, als habe er es nicht getan.
Das wahre und himmlische Leben ist jenes, in dem man nicht freit und nicht gefreit wird – wenn nun „der Schwäche des Fleisches wegen“ die Ehe nicht zu umgehen ist, so will der Apostel, daß diejenigen, die Frauen haben, wenigstens seien, als hätten sie keine. Die Ehe soll um des Himmels willen nur ein Schein sein.
Die Kirche muß es zulassen, daß der Gläubige der menschlichen Obrigkeit gehorche und außer dem einen, dem himmlischen Herrn auch weltlichen Herren Untertan sei. Aber sie gebietet ihm zugleich, die weltliche Obrigkeit nur als einen Schein, nämlich nicht als weltliche, sondern als göttliche zu betrachten. Er soll sie nicht als seine Obrigkeit ansehen, nicht als Ausdruck seines Willens, als Depositär des allgemeinen Willens ansehen, sondern als ein ihm fremdes Wesen, als eine Macht, die seinem Willen fremd ist: sie ist von Gott eingesetzt. Die Gebote der Kirche sind nie gehorsamer befolgt worden als in unsern Tagen, wenn die Industrie die Natur sich unterjocht und der Mensch sich dennoch nicht zu gestehen wagt, daß er der Herr der Erde ist; die Ehe kann nicht krasser für einen bloßen Schein erklärt werden, als wenn ihre Haltung von einer kirchlichen Weihe abhängig gemacht wird, die in keinem innern Verhältnisse zu ihr steht und auf ihre sittliche Führung nicht den geringsten Einfluß hat; und kein Kirchenvater konnte gegen den Staat und die Obrigkeit gleichgültiger, indolenter und apathischer sein, als es der Untertan in dem jetzigen Christlichen Staate ist.
Man tut sehr Unrecht, wenn man vom Verfall des kirchlichen Lebens spricht. Es ist noch nie so mächtig gewesen wie jetzt. Sein Einfluß erstreckt sich sogar auf diejenigen, die seit ihrer Konfirmation vielleicht nie wieder die Kirche betreten haben. Wie ist es nun? Sollen wir aus der Kirche treten? Wo sollten wir denn aber hin? Können wir der Berührung mit der Mutlosigkeit, der Trägheit und Heuchelei entgehen? Haben wir uns nicht selbst noch von allen Schwächen, die uns von unserm Ursprünge her aus einem innerlich falschen, verrotteten Zustande ankleben, zu befreien? Haben wir denn die Wahrheit, die Sittlichkeit, die Tapferkeit schon von ihrem Gegenteil befreit und vor ihm sicher gestellt? Nein! Wir leben mitten in der Mutlosigkeit und der Heuchelei, und unsere einzige Aufgabe ist die, zu kämpfen, die Mutlosigkeit zu vertreiben, die Schwachen tapfer zu machen, die Heuchelei zu entlarven und den Blöden zur Aufrichtigkeit Mut zu geben.
Haben wir das getan, wenn wir uns zurückziehen? Als ob wir uns zurückziehen könnten! Überall, wo wir uns hinwenden, finden wir unsere Gegner, denen kein größerer Gefallen geschehen könnte, als wenn wir außer aller Berührung mit ihnen gesetzt werden könnten.
Die Kirche verfolgt uns überall hin, denn ihre Herrschaft ist allgemein geworden und durchdringt alles. Warum? Weil sie endlich ihr ganzes Geheimnis verraten, ihr wahres Wesen entwickelt hat.
Sie ist nichts als der Ausdruck, die isolierte Erscheinung und die Sanktion der Unvollkommenheit und Krankheit der bestehenden Verhältnisse. Sie ist das allgemeine Wesen aller menschlichen Verhältnisse und Bestrebungen, aber als das verkehrte Wesen, als das von ihnen losgerissene, also auch entstellte Wesen der Ausdruck ihrer Wesenlosigkeit und Verkehrtheit. Sind wir frei, wenn wir aus der theologischen Fakultät treten? Nein! Denn die theologische Wissenschaft ist nur die konsequente Darstellung der Unvollkommenheit aller Wissenschaften, sie ist ex professo die Beschränkung der Wissenschaft, eine Beschränkung, die sich in den andern Wissenschaften durch den Einfluß des christlichen Geistes, d. h. durch die Mutlosigkeit und Abhängigkeit von Voraussetzungen, von selber macht. Wenn wir aus der Kirche treten, entgehen wir dann der Macht des christlichen Staats, d. h. der Bevormundung, dem Mißtrauen, der Beschränkung der Sittlichkeit und Freiheit? Die Kirche ist ja nur die isolierte Erscheinung der Unfreiheit, die im christlichen Staat alle Verhältnisse durchdringt. Gestehen wir es also nur: wir können gar nicht aus der Kirche treten, weil sie die Beschränkung der Freiheit und Wissenschaft ist, die wir nicht durch ein Wort, durch eine einfache Erklärung, sondern nur durch die Tat, d. h. durch unausgesetzten Kampf aufheben könnten.
Von dem Kritiker ist es bekannt, daß er sich von allen Voraussetzungen der Kirche losgesagt hat, aber so wenig ihn die Kirche deshalb von sich ausstößt, so wenig tritt er aus ihr heraus. Die Kirche und er kämpfen, aber sie haben sich nicht voneinander äußerlich getrennt. Zum Ausstoßen und Austreten ist die Sache nicht nur zu ernst – weil es sich auf beiden Seiten um Sein und Nicht-Sein handelt –, sondern der Kampfplatz ist auch viel zu groß, als daß der Sieg durch ein Herauswerfen oder freiwilliges Abtreten entschieden werden könnte: der Kampfplatz ist die ganze Welt, es handelt sich um alle menschlichen Güter, um die Frage, ob sie von der Unfreiheit uns vorenthalten, beschränkt und entstellt werden sollen, es handelt sich mit einem Worte um das Prinzip der ganzen kommenden Geschichte. Ist diese Frage entschieden, wenn ein Einzelner oder wenn mehrere erklären, daß sie nicht mehr zur Kirche gehören?
Und wenn Millionen erklären, daß die Resultate der Kritik sie von der Unwahrheit des Christentums überzeugt haben und sie sich nach dieser Überzeugung für verpflichtet halten zu erklären, daß sie sich gezwungen sähen, aus dem kirchlichen Verbände herauszutreten, so ist für die Sache, um die es sich handelt, noch nichts geschehen, und wiederum: sie können nicht einmal aus der Kirche heraus, da der christliche Staat sie nicht nur in dem kirchlichen Verbände festhält, sondern in der Erscheinung dasjenige nur ausführlich darstellt, was die Kirche, sein Wesen ist.
Nicht die Kirche wird uns lästig – auch wir fallen ihr nicht zur Last –, sondern der Staat ist es, der uns durch seine christlichen Anforderungen zur Last fällt. Wir können nicht geboren werden, nicht die Schulbank verlassen, nicht in die Ehe treten, ohne daß der Staat uns zwingt, von der Kirche eine Weihe zu empfangen, die wir nicht verlangen konnten, nicht verlangt haben, nie verlangen und niemals als eine Weihe anerkennen werden. Die Kirche ist eben nichts Besonderes für sich, sondern der isolierte Ausdruck des Wesens des Staats, und als protestantisch ist sie selbst aus dieser Isolierung herausgetreten und zu einer Staatsanstalt geworden. Die Geistlichen sind jetzt die wichtigsten Staatsdiener, diejenigen nämlich, welche uns immerfort in Erinnerung bringen, was der christliche Staat ist und was wir in ihm sind.
Der christliche Staat ist der Staat der Unfreiheit und Bevormundung, der Staat, der noch nicht den Mut gefaßt hat, wirklich Staat zu sein. Unfrei und bevormundet sind nicht nur die Untertanen, die Regierten, sondern unfrei ist auch die Regierung, da ihr Prinzip, das Mißtrauen, die Regierten zu einer ihr fremden, gefahrdrohenden Masse macht. Sie kann immer nur mit Furcht und sie muß sogar um ihres Prinzips willen beständig an die Möglichkeit denken, daß die Regierten endlich den Entschluß fassen, einem wirklichen Staate angehören zu wollen.
Damit sie nicht zu diesem Entschluß kommen, sorgt die christliche Regierung für die unbedingte Aufrechterhaltung der Taufe, der Konfirmation, der kirchlichen Einsegnung der Ehe und wacht sie darüber, daß selbst nicht einmal am Grabe in menschlicher Weise ausgesprochen werden darf, es sei ein Mensch, den seine Nächsten und Freunde zur letzten Ruhe geleiten. Im christlichen Staate gilt es als ein Unglück, daß ein Mensch geboren wird. Das Neugeborene ist ein verdammtes, unreines Wesen, dem die Liebe seiner Eltern, die Neigung, die sie ihm schon im voraus geschenkt haben, die Hoffnung, mit der es die Mutter unter dem Herzen getragen und genährt hat, die Schmerzen, mit denen es die Mutter geboren, nichts helfen. Alle jene menschlichen Beziehungen, Verhältnisse und Zustände, denen es seinen Ursprung verdankt und in die es eintritt, geben ihm noch nicht das Recht, als Mensch anerkannt zu werden; es soll eben nicht als Mensch anerkannt werden; erst eine äußere, seiner Menschlichkeit, den Empfindungen seiner Eltern und seiner künftigen menschlichen Ausbildung völlig fremd bleibende Handlung, die mit ihm ohne sein Wissen und ohne seinen Willen vorgenommen wird, und die Ablesung eines Formulars, auf welches niemand achtet als der einzige, der es vorliest, also eine Handlung, welche die Unmündigkeit als sein wahres Wesen bezeichnet und sogleich an der Wiege seine künftige Bestimmung, einem fremden Willen unterworfen zu sein, abbildet, gibt ihm die Fähigkeit, in den christlichen Staat einzutreten, d. h. es wird erst von diesem Staat anerkannt, wenn seine Menschlichkeit, sein Ursprung, die Liebe seiner Eltern, die Liebe und die Schmerzen seiner Mutter verleugnet werden. Konfirmiert für den christlichen Staat wird der Mensch erst dann, wenn er das Gelübde ablegt, daß er sich zu einer Religion bekenne, die ihm die Pflicht auflegt, ein Kindlein zu werden, den Stand des unmündigen Kindleins als seinen höchsten Stand, als seinen wahren Zustand zu betrachten, und die es ihm verbietet, ein Mann zu werden. Die Ehe erkennt der christliche Staat erst an, wenn er durch den Akt der kirchlichen Trauung es ausgesprochen hat, daß sie an sich ein Unrecht sei, und wenn Braut und Bräutigam eine Rede über den himmlischen Bräutigam, d. h. eine Rede gehört haben, die es ihnen zu Gemüte führt, daß sie nicht an ihre Ehe, sondern an die einzig wahre Ehe zu denken haben, in welcher sie als Glieder der Kirche mit dem einzig wahren Bräutigam stehen sollen. Der christliche Staat erklärt die Menschlichkeit für einen unwesentlichen Schein, den man ablegen müsse, um Christ, d. h. Bürger einer jenseitigen, Bürger der unwirklichen Welt zu werden. Das wesentliche Leben, welches im christlichen Staat geführt wird, ist daher das Leben im Himmelreich, ein Leben, welches gegen die Menschenrechte und die sittlichen Verhältnisse nicht nur gleichgültig ist, sondern auch Krieg führt und eigentlich, wenn es möglich wäre, sie ausrotten müßte. Aber es ist nicht möglich, weil der Mensch sich nicht vollständig verleugnen kann. Die Mutter, die ihr Kind schon liebte, als sie es unter ihrem Herzen trug, liebt es auch nachher nicht deshalb, weil es, sondern trotzdem, daß es getauft ist, d. h. trotzdem, daß vermittelst der Taufe erklärt wurde, sie habe ein unreines Wesen zur Welt gebracht, welches sie als solches und als die Frucht einer unreinen Begierde hassen und als ein Kind des göttlichen Zorns, falls sie in der göttlichen Liebe steht, als ein fremdes Wesen betrachten müsse. Sie liebt es aber trotz der Taufe nur als ihr Kind und als ein Pfand der Liebe ihres Gatten. Obwohl wir ferner in der Konfirmation geloben, unmündige Kindlein und, was wir sind, nur durch einen andern, durch Gott oder seinen Gesalbten zu werden, bemühen wir uns doch, etwas durch uns selbst zu werden, die Ehegatten lieben sich nicht wegen der kirchlichen Weihe ihres Bundes, sondern trotz dieser Weihe, trotzdem, daß das Leben im Himmel und das Trachten nach der Krone des himmlischen Bräutigams als ihre höchste Aufgabe ihnen empfohlen war; sie lieben sich, weil sie den Grund ihrer Liebe in sich selbst finden. Das wirkliche Leben erklärt daher das wesentliche, von der Kirche, d. h. vom christlichen Staat gebotene Leben für einen wesenlosen Schein, wie die Kirche von ihrer Seite wiederum das wirkliche Leben für einen bloßen Schein erklärt. Man glaube nicht, daß die Kirche bisher eine äußere Zwangsanstalt und die Macht des christlichen Staats eine Gewalt sei, die den Menschen ohne oder gar wider seinen Willen beherrsche und zur Verleugnung seiner selbst und seiner Rechte zwinge. Ist es möglich, daß die Menschheit ein Joch trage, das sie sich nicht selbst aufgelegt hat?
Die kirchliche Gewalt des christlichen Staats, d. h. der christliche Staat selbst sind weiter nichts als der Ausdruck, die Erscheinung und äußere Repräsentation unserer Mutlosigkeit. Wir selbst haben uns bisher noch nicht gestehen wollen, daß wir erst als Menschen und nur als Menschen unsere wahren und wichtigsten Rechte besitzen und unsere höchsten Pflichten zu erfüllen haben. Unser Wesen haben wir bisher von uns getrennt und als eine fremde Macht uns gegenüberstehen lassen, als wäre es zu groß für uns und als wären wir für es zu klein. Wir wollten bevormundet sein, bevormundet unter Furcht und Zittern; wir wollten auch mit Mißtrauen und Argwohn behandelt sein, denn Mißtrauen muß die Macht erfüllen, die eigentlich unsere eigene Macht ist, nur dem Scheine nach uns als eine fremde Macht gegenübersteht und argwöhnisch über die Aufrechterhaltung des Scheines wachen muß. Unser Glaube, daß wir nicht für uns selbst sorgen können, hat die Vorsehung geschaffen, die die Haare auf unserm Haupte zählt und uns die Schutzengel zur Seite stellt, die uns nie verlassen und bei jedem Schritt und Tritt, auf allen Wegen, auf der Straße, bei unsern harmlosen Zusammenkünften und auf unsern Reisen uns bewachen und behüten. Wir sind schlechthin unmündig: die Macht, die unser Wesen zu ihrem Privilegium gemacht hat, denkt, spricht, handelt für uns oder vielmehr für sich, und uns kommt ihr Tun und Denken nur deshalb zugute, weil wir ihr als Privateigentum angehören. Wir sind nur Privateigentum und die Leibeigenen eines andern, dem wir unser Wesen als sein ausschließliches Privilegium zuerteilt haben.
In einer zwiefachen Weise haben wir bisher dieses Leben der Unmündigen uns gegeben und geführt, in einer allgemeinen und in einer besonderen Weise, in der Religion und im christlichen Staate. Unser religiöses Leben ist nur der allgemeine Ausdruck für unser Leben im christlichen Staate, das Wesen von dem, was im Staat geschieht, die überirdische Bestätigung der Unmündigkeit, Abhängigkeit und Willenlosigkeit, die im christlichen Staat unser Los ist.
Mehr brauchen wir nicht zu sagen, um zu beweisen, daß wir aus der Kirche nicht austreten können und daß selbst die Erklärung, wir seien aus der Kirche ausgetreten, uns nicht weiterbringen und von der kirchlichen Gewalt nicht befreien könne. Der christliche Staat ist das im Ernste und in Wirklichkeit, was die Kirche an sich oder in einer auf gespreizten und chimärischen Weise ist.
Was ist also zu tun? Wie ist zu helfen?
Die Geschichte hat schon sehr weit geholfen. Die übernatürliche Gewalt der Kirche und die oberherrliche Macht im christlichen Staate sind im Grunde nur ein falscher Schein, nur dem Scheine nach eine den Bevormundeten fremde Macht. Dieser Schein ist nun durch die Entwicklung der letzten Jahrhunderte wirklich nur zum Scheine geworden, zum Schein herabgesetzt und als bloßer Schein wichtig und wertvoll geworden. Die Kirche muß jetzt damit zufrieden sein, und sie ist wirklich damit zufrieden, wenn nur die Massen, deren Abfall das Thema aller ihrer Predigten geworden ist, scheinbar noch mit ihr in Verbindung stehen. Der christliche Staat weiß, da wir es öffentlich und vor aller Welt getan haben, daß wir mit dem gesamten kirchlichen Wesen gebrochen haben, und dennoch hält er an dem System der Bevormundung so fest, daß er uns zwingt, (z. B. bei dem Eintritt in die Ehe) uns Zeremonien zu unterwerfen, die wir als sinnlos und als Verhöhnung des Aktes, den sie einweihen sollen, bezeichnet haben. Er ist mit dem Scheine zufrieden und hat von seiner Seite, soweit es ihm überhaupt möglicht ist, die Sache entschieden. Er zwingt uns mit Gewalt, uns den kirchlichen Formen zu unterwerfen, d. h. sie gerade durch unsere Unterwerfung für einen inhaltslosen Schein zu erklären, als solchen öffentlich zu prostituieren und das allgemeine Bewußtsein daran zu gewöhnen, sie als solchen zu betrachten. Der christliche Staat macht diese Formen selbst zu einem bloßen Schein, zu dem, was sie sind.
Obwohl er endlich weiß, daß wir uns von allen seinen kirchlichen und polizeilichen Voraussetzungen befreit haben, daß wir aus dem Zustand der Unmündigkeit herausgetreten sind und seiner kirchlichen und staatspolizeilichen Mittler und Schutzengel nicht mehr bedürfen, so hält er uns dennoch im Zustand der Unmündigkeit zurück, erlaubt uns nicht, uns als eine Gemeinschaft zu assoziieren, die innerlich frei von allen kirchlichen Voraussetzungen nur der noch vorhandenen Gewalt weicht, wenn sie sich den kirchlichen Zeremonien unterwirft, und jeder verfassungsmäßige Weg, unsere mißliche Lage darzustellen und auf ihre Aufhebung anzutragen, ist uns abgeschnitten.
Schadet nichts! Die Assoziation würde unserer Sache nur den falschen Schein einer Privatsache geben, während sie doch die Sache der ganzen folgenden Geschichte ist, und die Unmöglichkeit, mit einer Regierung zu unterhandeln, der Umstand, daß einem Prinzip auch nicht durch einzelne Zugeständnisse genug getan werden kann, ist nur ein Beweis, daß es sich um eine neue Gestalt aller öffentlichen Verhältnisse handelt und daß die Weltgeschichte einen völligen Bruch mit dem Alten beabsichtigt. Der Staat tut alles, was er nur tun kann, um diesen Bruch recht gründlich, vollständig und zerreißend zu machen, wenn er selbst diejenigen, die seiner religiösen Grundlage und Theorie längst entwachsen sind, als Unmündige betrachtet und sie als solche zu behandeln nicht aufhört. Die Bevormundung wird dadurch zu einem bloßen Schein herabgesetzt und ist bereits zum bloßen Schein geworden, da die Theorie der Bevormundeten der Theorie der Bevormundenden in der letzten Zeit vollständig über den Kopf gewachsen ist. Die Theorie, die uns über unser Wesen aufgeklärt und uns den Mut gegeben hat, wir selbst zu sein und unser Wesen uns wieder anzueignen, hat den christlichen Staat zu einem wesenlosen Schein gemacht.
Die Theorie, die uns so weit geholfen hat, bleibt auch jetzt noch unsere einzige Hilfe, um uns und andere frei zu machen. Die Geschichte, über die wir nicht gebieten und deren entscheidende Wendungen über die absichtliche Berechnung hinausliegen, wird den Schein stürzen und die Freiheit, die uns die Theorie gegeben hat, zur Macht erheben, die der Welt eine neue Gestalt gibt. Der Austritt aus der Kirche ist ein Unding, Verhandlungen mit der christlichen Macht sind unmöglich, die Kritik ist die einzige Macht, die uns über die Selbsttäuschungen des Bestehenden aufklärt und uns die Überlegenheit gibt, und die Geschichte wird für die Krisis und ihren Ausgang sorgen.
(Aus der 1842 erschienenen Schrift 'Die gute Sache der Freiheit und meine eigene Angelegenheit')
ZUM TODESTAG DES PHILOSOPHEN
Über den Autor (1809-1889)
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