Donnerstag, 9. April 2015

Ferdinand Tönnies: Das Wesen der Soziologie

Die Tatsachen des menschlichen Zusammenlebens unterliegen einer dreifachen wissenschaftlichen Betrachtung und Erkenntnis.

Diese Arten pflegen nicht auseinandergehalten zu werden, und dies ist freilich auf vollkommene Weise nicht möglich. Sie pflegen aber auch nicht begrifflich unterschieden, also in ihrem Wesen nicht gehörig erkannt zu werden, und dies ist allerdings möglich; es ist auch geboten und notwendig.

Man muss nämlich unterscheiden: A. die biologische, B. die psychologische und C. die eigentlich soziologische Ansicht der Tatsachen des menschlichen Zusammenlebens.

Es ist nicht schwer zu verstehen, wie die biologische und die psychologische Ansicht dieser Tatsachen voneinander verschieden sind. Wir sind durchaus gewohnt, den Menschen, und wir lernen mehr und mehr, alle organischen Wesen, einerseits als Physis, andererseits als Psyche zu betrachten. So ist auch das "Zusammenleben" der Menschen, wie anderer Organismen, zugleich Gegenstand der Naturbeschreibung und Gegenstand der Geistbeschreibung (wenn das Wort gestattet ist). Bei niederen Organismen wird die "Symbiose" so gut wie ausschließlich als Naturereignis, nämlich als Tatsache wechselseitiger Ernährung, Stütze usw. begriffen; mit dem Seelenleben der Tiere und Pflanzen pflegt der Naturforscher ohnehin sich nicht eingehend oder gar nicht zu befassen. Dies hängt damit zusammen, dass man von alters her die Erkenntnisfunktionen als die primäre Erscheinung des Geistes und dazu gar die menschliche Seele als Normalseele aufzufassen gewohnt ist – Denkformen, von denen wir schwer und langsam uns ablösen –, aber mehr und mehr dringt der "Voluntarismus" durch, der das Trieb- und Gefühlsartige als das allgemeine Erbteil der organischen Wesen auch bei den Elementarorganismen und den Pflanzen anzunehmen als notwendig einsieht und der die Seele nicht für ein Wesen hält, das auf irgendeine rätselhafte Art mit dem Leibe 'verbunden' sei, sondern für das Wesen des Organismus selbst, insofern als er an und für sich und nicht bloß für die Erkenntnis anderer Seelen vorhanden ist.

Das Leben der Menschen, und somit auch ihr Zusammenleben, können wir zwar "von außen" betrachten; aber wir können es nur "von innen" verstehen, d.h. wir müssen es deuten von unserer Selbsterkenntnis aus, wodurch wir wissen, dass die Menschen von gewissen heftigen Trieben notwendig bestimmt werden, von starken Gefühlen, die das Gefördert- und Gehemmtwerden dieser Triebe begleiten, und dass sie ihre Sinnesempfindungen und den Verstand, worin diese sich sammeln, als Führer, Spürer und Warner gebrauchen, um Freundliches und Feindliches, Günstiges und Gefährliches auch aus der Ferne voraus zu unterscheiden. So sind es auch Komplexe von Gefühlen und Empfindungen, was die Menschen zusammenhält und zusammenführt, was sie aneinander 'bindet' und miteinander 'verbindet', denn sie sind nicht durch ein 'äußeres', physisches Band verbunden, wie etwa zwei Gefangene, die, am Handgelenk gefesselt, zusammen transportiert werden, sondern nur im bildlichen Ausdrucke sprechen wir von psychischen Bindemitteln, von Banden der Liebe und Freundschaft, von Verbindungen und Verbänden der Menschen.

Wir wissen, dass die sozialen oder menschenfreundlichen Antriebe und Gedanken in fortwährendem Widerspruch und Streit mit solchen von entgegengesetzter Art leben, dass Liebe und Hass, Vertrauen und Misstrauen, Dankbarkeit und Rachgier einander kreuzen, dass aber auch Furcht und Hoffnung und, auf Grund dieser Affekte, die menschlichen Interessen und Pläne einander teils harmonisch, teils disharmonisch begegnen, dass also Gefühle und Erwägungen die Menschen, sowohl einzelne als Gruppen aller Art, teils verknüpfen, teils entzweien.

Der psychologischen Ansicht des menschlichen Zusammenlebens sind die Anziehungen und Abstoßungen, die Hilfeleistungen und die Kämpfe, friedliche Vereinigungen und kriegerische Konflikte an und für sich gleich wichtig und interessant. Die biologische Ansicht beachtet diesen Unterschied überhaupt nur in seinen Wirkungen: sofern Leben vermehrt oder vermindert, gefördert oder gehemmt wird. Die soziologische Ansicht, im Unterschiede von beiden, hat es wesentlich und in erster Linie mit den Tatsachen, die ich Tatsachen gegenseitiger Bejahung nenne, zu tun. Sie untersucht diese im engeren und eigentlichen Sinne sozialen Tatsachen und analysiert ihre Motive, sie muss, wie ich behaupte, vor allem ihre Aufmerksamkeit auf den bedeutenden Unterschied richten, ob gegenseitige Bejahung auf dem Grunde vorwiegender Gefühls- oder vorwiegender Denkmotive vorliegt; sie muss den Prozess verfolgen, den ich in dieser Hinsicht als die Entwicklung von Wesenwillen zu Willkür bezeichne. Wesenwille ist der gewordene Wille, Willkür ist der gemachte Wille. Der Mensch ist zur Bejahung des Menschen und also zur Verbindung mit ihm von Natur 'geneigt': nicht bloß durch 'Instinkte', wenn sie auch die stärksten Antriebe ergeben, sondern auch durch 'edlere' Gefühle und ein vernünftiges Bewusstsein; aus dem Geneigtsein erwächst das Wollen und die ausgesprochene Bejahung, die den 'Wert' des bejahten Gegenstandes kennt und in bezug darauf sowohl als ganze, wie als dauernde sich richtet. In den mannigfachen Formen dieser Bejahung wird der Gegenstand immer direkt, oder wie wir sagen, als Zweck, d.i. um seiner selbst willen, bejaht; dies schließt nicht aus, dass er zugleich um eines anderen Zweckes willen bejaht werde; wenn nur diese Zwecke sich miteinander vertragen, selbst einander bejahen.

(Beginn des 1907 in Dresden gehaltenen Vortrags)

ZUM TODESTAG DES SOZIOLOGEN

Über den Autor (1855-1936)

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