In all den Revolutionen des 16. und 17. Jahrhunderts war es zwar der
Geist der Republik, der die Führung hatte, aber der Kampf ging überall
noch zu großem Teil zusammen mit dem Streit zwischen den Konfessionen,
und oft überwog die Forderung der Gewissensfreiheit die der politischen
Freiheit, oder wo es den Aufrührern nicht sowohl um Freiheit wie um
Herrschaft ging, war immer ein Kampf zur Unterdrückung der einen oder
der andern religiösen Gemeinschaft dabei. Jetzt aber, im Schlußjahr des
konfessionell gefärbten dreißigjährigen Staatskrieges begannen in
Frankreich die revolutionär-kriegerischen Zeitläufte, die man gewöhnlich
die Fronde nennt und die am Tag des Abschlusses des Westfälischen
Friedens Frankreich die Proklamation der ersten Skizze einer
Konstitution, einer Magna Charta der Bürgerrechte und der Unabhängigkeit
des Parlaments brachte. Diese Revolution war zwar noch unlöslich mit
Kämpfen der Feudalherren und Fürsten untereinander verquickt; aber die
religiösen Dinge blieben zum erstenmal völlig aus dem Spiel, und mehr
noch als in England trat die Bourgeoisie, die Steuerpolitik und das
Selbstgefühl der Städter hervor. In ihrem Beginn ist die Fronde gegen
die Königin-Regentin und Mazarin gar sehr wiederum ein Vorspiel und fast
eine Vorübung des Volks und der führenden Kräfte zur Revolution des 18.
Jahrhunderts. Auch die Fronde richtet sich, wie wir es gleich als
charakteristisch für die modernen Bewegungen sehen wollen, in ihrem
Beginn weniger gegen die Person des Tyrannenkönigs als gegen die
schlechte Staatsverwaltung und den Minister; und auch hier war es ein
Erfolg der Monarchostultitia, der dummen und den Mund nicht zügelnden
Königin, daß sie, wie der kluge Kardinal von Retz sagt, „levait le
voile, qui doit toujours couvrir tout ce que l’on peut croire du droit
des peuples et de celui des rois, qui ne s‘accordent jamais si bien
ensemble que dans le silence“. Bald vereinigten sich die verschiedenen
Abteilungen des Pariser Parlaments zu einem Generalparlament und einer
Art Constituante, die sich die Beratung „de la reformation de l’Etat, de
la mauvaise administration des finances, de la dilapidation des
courtisans“ zur Aufgabe machte. Wir erleben es jetzt wieder an den
Vorgängen in Rußland, wie lächerlich und wie tragisch die immer
wiederkehrende Staatsrevolution, die kämpfenden und die bekämpften
Gewalten sich gleich bleiben. Auch einen Vorspuk des berühmten Schwurs
im Ballhaus hat die Revolution von 1648 gehabt. Auf die wiederholten
gröblichen Verbote der Königin an das Gesamtparlament, sich noch ferner
in der Salle de St. Louis zusammenzufinden, antwortete es, „que
cependant et nonobstant toutes défenses les assemblées de la Chambre de
St. Louis seraient continuées“. Und so kam denn — am 26. August 1648 —
wieder der Tag der Barrikaden für Paris: 100 000 Pariser standen
bewaffnet auf nahezu 2000 Barrikaden, die in unglaublich kurzer Zeit in
hoher technischer Vollendung errichtet worden waren, und die Königlichen
waren für die nächste Zeit völlig besiegt und eingeschüchtert; die
Königin, Mazarin und der ganze Hof flohen. Es kam nun zum Kriege
zwischen Paris und den Königlichen, aber im Lauf der Ereignisse, ähnlich
wie es in England gewesen war, wie es auch das Ende der französischen
Revolution des 18. Jahrhunderts werden sollte, übernahm die Soldateska
den Kampf an Stelle des machtlos und uneinig werdenden Bürgertums, und
es war bald nicht mehr der Kampf der Revolution und des Parlaments,
sondern der Krieg des Prinzen von Condé. Auch zeigte sich hier schon der
Gegensatz zwischen Bürgertum und Großstadtproletariat, und wie schnell
der revolutionäre citoyen wieder zum friedliebenden bourgeois wird,
sowie die Gegensätze des Besitzes auftauchen und immer auch, wenn an die
Stelle des improvisierten Begeisterungskampfes von Stunden die
soldatisch handwerksmäßige Kriegsführung von Monaten oder Jahren tritt.
Wohl kam es noch einmal gegen Ende der Kämpfe zu einer Wiederbelebung
der revolutionären Kraft: es entstand eine Bewegung, die sich in
gleicher Weise gegen Condé wie gegen die Königlichen wandte, die
sämtlichen Parlamente und vor allem die Städte des Landes zu einem
großen Bunde zusammenschließen wollte und ausgesprochen
föderalistisch-republikanisch war. „L’union des grandes villes“, sagt
der Kardinal von Retz, der selbst an ihr beteiligt war, „en humeur où
elles étaient, pouvait avoir des suites fâcheuses et faisait courir des
dangers à la monarchie. Beaucoup de gens à cette époque voulaient faire
de la France une république, et y éteindre l’autorité royale“. Aber die
Kraft reichte nicht mehr, und dieses Vorspiel der modernen
Staatsrevolution mündete durchaus nicht in die Republik, sondern in die
Regierung Ludwigs XIV.
Es ist dieser unsrer Übergangszeit eigen, daß sie mit nichts wirklich
fertig wird, daß immer alles geistig Tote leiblich wieder aufersteht,
und daß die selben Kämpfe immer wieder geführt werden müssen. Der
Absolutismus ist wieder auferstanden und hat sich entweder in ziemlicher
Reinheit erhalten oder seine Kompromisse mit der Demokratie
geschlossen; und sogar der Kirchenstreit und der Kampf um die
Gewissensfreiheit ist heute noch da. Es ist dieser Zeit nicht möglich,
etwas ein für allemal umzubringen oder festzustellen; und wenn einer
einen Codex des Feststehenden etwa für die Philosophie und die
Wissenschaften und die Praxis des Lebens verfassen und nur das darin
aufnehmen wollte, worüber alle einig sind, auch wenn er sich auf das
beschränken wollte, dessen Nichtexistenz und Nichtmöglichkeit feststeht,
wenn er also gar nichts Positives behaupten wollte: sein Codex wäre
auch heute noch ein leeres Blatt Papier. Eine solche Einigkeit und
Einverständnis herrscht aber in den Zeiten der Revolution; da bemächtigt
sich der Menschen eine grenzenlose Verwunderung über das Durcheinander,
über die Coexistenz des Heterogenen in der unmittelbar vorhergehenden
Zeit, so wie sie etwa Chamfort im Anfang der französischen Revolution im
Hinblick auf die Zeiten nach dem Wirken der Encyklopädisten, Rousseaus
und Voltaires zum Ausdruck brachte…. Sonst erinnert die Revolution, wenn
sie wieder ausbricht, sich all ihrer Vorfahren, der früheren
Revolutionen erinnert und sich zu ihrem Kinde macht. Nur die
französische Revolution des 16. Jahrhunderts ist im achtzehnten völlig
vergessen und mußte erst wieder in unserer Zeit ausgegraben werden. Das
kommt daher, daß inzwischen bei den Geistigen, vor allem in Frankreich,
sich die Wendung vom Christentum weg vollzogen hatte und man die Formen,
in denen man im 16. Jahrhundert um Freiheit und Verfassung gekämpft
hatte, nicht mehr verstand….
Die zweite Epoche der Staatsrevolution, die, von dem Vorspiel der
Fronde abgesehen, aus dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, der
französischen Revolution des 18. Jahrhunderts und dem, was sich im 19.
Jahrhundert in allen Ländern an sie anschloß, besteht, hat also immer
noch den alten Kampf zu führen: gegen den Absolutismus und die Willkür,
für den Verfassungsstaat und das Gesetz. Aber mancherlei Änderung ist
doch zu bemerken. Der Kampf geht nicht mehr so ausschließlich gegen den
König, und weniger gegen Brutalität und Willkür, als gegen die
Unfähigkeit und Kleinheit seiner Diener. Der Monarch wird lange Zeit, am
Ende des 18. Jahrhunderts und ebenso wieder um die Mitte des
neunzehnten, wie etwas mehr Gleichgültiges, minder Wichtiges oder
Hinzunehmendes aus dem Spiel gelassen ; man kämpft mehr um die Sachen
als um die Formen oder Personen; das zu Bekämpfende ist nicht mehr in
der Einheit eines Hauptes, das Erstrebte nicht mehr in der Einheit eines
Begriffs gesammelt; an die Stelle der Einfachheit ist die vielfache
Verzweigtheit und Kompliziertheit getreten; auch die Revolution hat sich
spezialisiert. Der König muß schon ganz besonders schwere Fehler
begehen, um das Interesse auf seine Person zu konzentrieren und den
Republikanismus zu entfachen. Es handelt sich in diesen Revolutionen, so
wuchtig ihr Geist in die Erscheinung tritt, doch nur um eine
Zwischenrevolution: nicht mehr so ausschließlich gegen den absoluten
König und noch nicht gegen die neue Einheit und Zusammenfassung: den
absoluten Staat. Es handelt sich vielmehr um einen Kampf für den
absoluten Staat, seine Weiterausbildung und Demokratisierung. Mehr als
gegen den König geht der Kampf gegen die Stände, auf die sich das
Königtum stützt: den Klerus und den Adel, und damit gegen die
Ständeverfassung, die in den früheren Revolutionen gerade oft die
Grundlage der Republik sein sollte. Die Entwickelung des Handels und der
Manufakturen hat inzwischen das Bürgertum stark gemacht; der dritte
Stand will die Atomisierung und den Individualismus vervollständigen ;
es sind Reste aus der Zeit der Schichtung und der Bünde da, die zu
Privilegien ausgeartet oder sonstwie schädlich und im Wege sind: die
Ständeverfassung wird zersprengt, die Zünfte aufgehoben, die
Gemeindeländereien — wohlerhaltene Reste alten Gemeinbesitzes —
verteilt, die Berufsassoziationen aufgelöst und verboten. Denn nicht
bloß im Gewissen soll der Bürger frei und unbehindert sein, nicht bloß
am Staate soll jeder in gleicher Weise mitwirken und vom Staate in
gleicher Weise behandelt werden; es gibt in diesen Zeiten neben der
Losung Freiheit und Gleichheit auch die Losung, die diesen Menschen fast
als das selbe klingt: Freiheit und Eigentum. Der Staat soll durch seine
Gesetze, durch die Unabhängigkeit seiner Gerichte, durch die
Rechtsgarantien und Sicherungen, die Trennung von Legislative und
Exekutive die absolute Freiheit des Handels und der Unternehmungen
sichern; es soll nur Bürger geben und Staat; aber keinerlei
Vereinigungen außerhalb des Staates sollen geduldet werden; und auch der
Staat hat sich in die Freiheit des Eigentums nicht einzumischen. Auf
diese Weise glaubte man am besten das Wohlergehen der Bürger, der
Selbständigen wie der Abhängigen, und das Nationalvermögen zu heben.
Es war inzwischen nämlich, so wie früher im Anschluß an die
republikanische Bewegung sich die neuen Disziplinen des Staatsrechts und
Völkerrechts entwickelt hatten, mit der Konsolidierung der
Nationalstaaten nach außen und innen eine neue Wissenschaft, besser zu
sagen: ein neuer Zweig der Publizistik entstanden: die politische oder
Nationalökonomie. Ursprünglich glaubte man — schon die Namen sagen es —
nur eine weitere Ausbildung der Staatslehre zu betreiben; wie der
ordentliche Privatmann sich Rechenschaft über Einnahmen und Ausgaben
gibt, wie der Kaufmann Buch führt, so sollte auch der Staat Ordnung in
seiner Wirtschaft haben. Die ökonomische Bewegung ist zunächst in ihrer
Entstehung eine Fortführung des republikanischen Kampfes gegen den am
Luthertum erstarkten fürstlichen Absolutismus auf einem besonderen
Gebiet. Für den absoluten Fürsten gab es kein Auseinanderhalten von
Staatsvermögen und Privatbesitz; es war alles des Königs, und auch die
Privatvermögen und Liegenschaften betrachtete der rechte König
theoretisch und im Falle des Streites praktisch als sein eigen; er war
der Landesherr. Die späteren Republikaner und Ökonomisten haben erst den
modernen Begriff des Staates eingeführt; war der Staat für die ersten
Republikaner noch identisch mit den états, d. h. den Ständen, so war er
jetzt der Etat, d. h. eine geordnete Verwaltung eines unpersönlichen
Wesens mit Einnahmen und Ausgaben. Bald aber merkte man, daß es nicht
bloß eine Steuer- und Ausgabenbilanz, sondern auch eine Handelsbilanz,
eine Statistik der Einfuhr und Ausfuhr, daß es außer dem Staatsvermögen
auch ein Nationalvermögen gäbe. Da war zum erstenmal wieder eine Nation,
ein Volk, eine Zusammengehörigkeit entdeckt, die nicht Staat war und
doch keineswegs bloß eine Summe von Individuen und individuellen
Errungenschaften. Denn man entdeckte, daß die Entstehung und der
Verbleib der Güter, von der Gewinnung der Rohprodukte bis zum Verbrauch
der fertigen Waren, und ihr Austausch gegen Geld und Kredit, und die
mannigfachen Formen der Schuldverhältnisse, Kauf- und Gründungsgeschäfte
etwas sei, was sich der Beschreibung und Ordnung in allgemeinen Sätzen
und zusammenfassenden Begriffen zugänglich zeigte. Ohne es zu wissen —
man weiß es heute noch nicht — hatte man die zweite große Entdeckung
dieser Zeiten gemacht. Die erste stammt von La Boëtie: wahrscheinlich
nicht er selbst, sondern die ersten revolutionären Herausgeber der
Schrift haben dafür den glücklichen Namen le Contr‘un gefunden. Le
Contr’un, der Nichteine, ist das Volk von Einzelnen mit souveränem
Individualgefühl, die dem Einen die Gefolgschaft kündigen und sich so
aus der Verknechtung erheben. Diese zweite Entdeckung nenne man: den
NichtStaat, le Contr’Etat. Man hatte angefangen zu finden, daß es neben
dem Staat eine Gemeinschaft gibt, nicht eine Summe isolierter
Individualatome, sondern eine organische Zusammengehörigkeit, die sich
aus vielfachen Gruppen wie zu einer Wölbung dehnen will. Man weiß noch
immer nichts oder nicht viel von diesem überindividuellen Gebilde, das
mit dem Geiste schwanger geht: aber eines Tages wird man wissen, daß der
Sozialismus nicht eine Erfindung von Neuem, sondern eine Entdeckung von
Vorhandenem und Gewachsenem ist. Und dann, wenn man die rechten
Bausteine entdeckt hat, werden auch die Baumeister da sein.
Mit der weiteren Ausbildung dieser neuen Kenntnisse und dieser neuen
Erkenntnis entwickeln sich zwei Strömungen: die eine geht dahin, diese
Gebiete des Wirtschaftslebens, die man bis dahin hatte laufen lassen,
wie sie wollten, mit in den Staat einzubeziehen. Für die andere war
diese Erkenntnis: die Entdeckung der Gesellschaft. Es gab neben dem
Staat und den einzelnen, wimmelnden Individuen noch ein Drittes: die
Gesellschaft, die ihre eigenen Formen des Mitlebens hat. Verbindender
Geist nämlich — wir sagen gleich noch etwas davon — kommt erst, wenn die
Gebilde da sind, aus denen er herausleben und die er erfüllen und
gestalten kann; früher aber als dieser verbindende Geist und sogar als
die Gestalten des Bundes ist der intuitive, theoretisch gestaltende
Geist der Wissenschaft da, der die zerstreuten und auseinandergefallenen
Dinge zueinandersieht und zusammenbringt. So hatte die Theorie der
politischen Ökonomie, auch sie eine Wissenschaft, die, wenn sie Theoreme
des Geistes bauen will, Mächte der Praxis schafft, zunächst die
sogenannten Gesetze der sinn- und planlosen Individualwirtschaft
aufzustellen geglaubt; in Wahrheit hat sie keine gültigen Begriffe
hergestellt, sondern Einungen der Wirklichkeit: je mehr sie hinter den
Gesetzen des Kapitalismus her waren, um so mehr haben sie in leibhafter
Wirklichkeit eine soziale Ökonomie schaffen helfen. Sie haben
Abstraktionen gesucht, die im besten Fall brauchbare Namen sind, und sie
werden statt dessen Einungen und Geist gefunden haben, die Realitäten
sind….
Wäre ich nicht verdammt, diese Schrift jetzt, im Jahre 1907, zu
schreiben, wo wir noch mitten in dem Geschehen, das ich schildern soll,
darin sind; oder hätte ich die Macht, mit meinem Wirken die Dinge so zu
gestalten, wie ich sie möchte, oder wäre es hier dem Autor erlaubt, sich
utopischer Sprache zu bedienen, so könnte ich sagen: diese beiden
Richtungen, die schon vor dem Ausbruch der Staatsrevolutionen des 18.
und 19. Jahrhunderts entstanden waren, gaben den Revolutionen und
Aufbauversuchen des 20. Jahrhunderts ihr Gepräge: an die eine Richtung,
die sich die Politiker nannten, schlössen sich mehr und mehr alle
Parteien an; sie gingen darauf aus, das Wirtschaftsleben in den Staat
einzuordnen und den absoluten demokratischen Verfassungsstaat nicht nur
zur Sicherung der Bürger gegeneinander, sondern auch zur Sicherung gegen
Armut, Preisgebung und Verlassenheit einzurichten; die zweite Richtung,
die sich die Sozialisten nannten, erklärten: mit der Entdeckung der
Gesellschaft, des freien und freiwilligen Durcheinanderwirkens der
Kräfte des Mitlebens, habe der Staat nur noch eine Aufgabe: Vorkehrungen
zu seiner eigenen Auflösung zu treffen und Raum zu geben für die
unendlichfache Schichtung von Bünden, Organisationen und Gesellschaften,
die an seine Stelle und an die Stelle des sinn- und plan- und
geistlosen Individualismus der Wirtschaft, der Produktion und
Zirkulation, zu treten sich anschickten. Es gab endlich auch noch einige
Vereinzelte einer dritten Richtung, die bei Seite standen und mit einem
bittern Lächeln um die Lippen und einem Funken guter Freude und
Hoffnung im Auge mehr dachten als sagten: der Weg zur völligen Auflösung
und Unmöglichmachung des Staates gehe eben gerade über den absoluten
demokratischen Wirtschaftstaat. Da es aber ein positives Absolutes gar
nie gegeben hat, werden die wohl nicht so ganz Recht gehabt haben; sie
haben nur den unsäglich langsamen Weitergang in diesen unseren Zeiten
zum Ausdruck gebracht.
So, glaube ich, könnte ich reden, wenn ich nicht jetzt schriebe. Da ich
aber jetzt schreibe, kann ich auch von den Revolutionen des 18. und 19.
Jahrhunderts, die noch in unsere Zeiten fortlaufen, kein anderes als ein
utopisches Bild geben; denn ist auch unsere Zwischenzeit gerade in
diesen Jahrzehnten weit weg von diesen Bewegungen, so bin ich doch, ich
muß es gestehen, ganz untergetaucht in die Revolution; ich entscheide
nicht, ob noch oder schon wieder. Entweder kommt bald der Geist über
uns, der nicht Revolution, sondern Regeneration heißt; oder wir müssen
noch einmal und noch mehr als einmal ins Bad der Revolution steigen.
Denn das ist in unsern Jahrhunderten des Übergangs die Bestimmung der
Revolution: den Menschen ein Bad des Geistes zu sein. In dem Feuer, der
Hingerissenheit, der Brüderlichkeit dieser aggressiven Bewegungen
erwacht immer wieder das Bild und das Gefühl der positiven Einung durch
verbindende Eigenschaft, durch Liebe, die Kraft ist; und ohne diese
vorübergehende Regeneration könnten wir nicht weiter leben und müßten
versinken.
Daß es aber trotz dem überaus vernehmlichen Schwächezustand unsrer
letzten Generationen, der sich auch bei großen Talenten in modischen
Geckereien und fast völliger Abkehr von den öffentlichen Dingen äußert,
noch nicht Zeit ist, ans Dahingehen zu denken, dessen ein Zeichen sei
uns, was die Urgroßväter unsrer jungen Leute erlebten: die größte all
dieser Revolutionen, die französische Revolution vom Ende des 18.
Jahrhunderts. Was in der Menschenwelt die neuen Wirklichkeiten schafft,
ist immer das Unmögliche gewesen. Das Unmögliche war es, noch nicht oder
selten in den Wegen und Zielen, aber in der Stimmung und dem Geiste der
Größe, was da über viele Einzelne und das Volk gekommen ist. Es galt ja
im Anfang nichts weiter als Frankreich vor dem Bankrott zu retten; und
wie es immer war, wie es in der englischen Revolution, in der Fronde und
ganz besonders im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg gewesen war,
geschah es auch hier: hätte die Regierung nicht kurz hintereinander die
unglaublichsten Fehler und Dummheiten gemacht, es hätte in dem Zeitpunkt
zu gar nichts kommen brauchen. Als der prachtvoll tolle Aventurier
Thomas Payne den Amerikanern sein Pamphlet The Common Sense widmete, in
dem er mit besonderer Anwendung auf die englische Regierung alle und
jegliche Regierung für schandbar und unnütz erklärte, da war es ein
Engländer, der das tat: und es wäre in Amerika so wenig wie in England
aus solcher geistigen Rebellion und Überwindung heraus zur Revolution
und nachher zur Einführung der freiesten aller republikanischen
Verfassungen gekommen, wenn nicht die englische Regierung und der größte
Teil des im Gefolge der besonderen Form der englischen Revolution
politisch gewordenen englischen Volkes so verblendet gegen die
Kolonisten verfahren wäre. Aber solche Dummheit oder Brutalität oder
Schwächlichkeit der Regierenden ist immer nur der Funke; daß das Volk
und die Denker und Dichter einem Pulverfaß gleichen, geladen mit Geist
und schöpferisch-zerstörenden Kräften, zeigt sich dann jedesmal; und das
gibt uns den Glauben an latente, aufgespeicherte Kräfte, auch wenn ein
Volk in seinem Tiefstand ist. So war es auch in Frankreich. Als der Graf
Mirabeau im Jahre 1788 den aufständischen Niederländern den Entwurf der
Menschenrechte widmete, war das französische Volk — trotz allem hellen,
prasselnden Geist der Aufklärung, des Witzes und der Freiheit, der von
glänzenden Individualitäten auf es herabgekommen war und trotz seiner
leidenschaftlichen Teilnahme am Freiheitskampf der Amerikaner — noch
weit entfernt, sich auf seine eigenen Menschenrechte zu besinnen…
Was Mirabeau schon in seinem ersten Entwurf der Menschenrechte gesagt
hatte, daß die Regierung für das Glück des Volkes vom Volke eingesetzt
sei, das fühlte diese Revolution als ihre Aufgabe; und dieses Gefühl,
für kommende Zeiten der Ruhe und Abgeebbtheit mit all ihren heroischen
Kraftanstrengungen Gedeihen zu schaffen, war das Glück des Beglückens
dieser Revolutionäre. Und hier sehen wir, was für alle Revolutionen
gilt, aber für keine so wie für diese: es ist ein Geist der Freude, der
in der Revolution über die Menschen kommt. Dieser Freudegeist pflanzt
sich von der Revolution her selbst in die grauen Zwischenzeiten hinein
fort; und das Jubelfest, das die Pariser mit ausgelassenen Straßentänzen
noch heute am Tag des Bastillesturmes feiern, ist mehr als Erinnerung,
ist unmittelbar Erbe der Revolution. Wir Deutsche, obwohl wir schon
lange kein recht freudiges Volk mehr sind — im Mittelalter waren sie es —
haben wunderschöne Worte für diese Heiterkeit: ausgelassen, aufgeräumt,
unbändig. Was da zum Ausdruck kommt, ist zusammengepreßt Gewesenes, das
sich hinausläßt und aufschäumt; etwas, das in sich selber und in der
Welt draußen ordentlich Ordnung macht und alles zurechtrückt; das von
Banden befreit ist. Aber nicht bloß diese Reaktion gegen
vorhergegangenen Druck äußert sich in der Freudenstimmung der
Revolution; auch nicht nur das kommt dazu, was wir schon sagten, daß es
in der Revolution ein reiches, zusammengedrängtes, fast spritzendes
Leben ist; wesentlich vor allem ist es, daß die Menschen sich ihrer
Einsamkeit ledig fühlen, daß sie ihre Zusammengehörigkeit, ihr Bündnis,
geradezu ihre Massenhaftigkeit erleben. Darum gibt es für uns keine
wundervollere Versinnlichung und Vergeistigung dessen, was hier
Revolution und was Vorausgang und Bedingung der Revolution genannt wird,
als Beethovens Neunte Symphonie, die nach schwerem Erleben der in
Melancholie und Brüten versunkenen Einzelseele, nach dem vergeblichen
Versuch, in Einsamkeit froh zu sein und sich auszulassen, nach derber
Paarung und nach der Himmelsseligkeit des in sich versunkenen und über
sich hinausgehobenen geistigen Individualdaseins mit allen Strömen in
den Massenchor an die Freude mündet. Und auch die Worte aus Schillers
Revolutionsgedicht, das Beethoven zugrunde legte, wollen wir nicht
vergessen: Alle Menschen werden Brüder, wo dein sanfter Odem weilt. Es
ist ja nicht wahr, was man uns in dieser schlappen und aus Schwäche
unsentimentalen Zeit, die sich aus Hinfälligkeit der Liebe und der
Hingebung schämt, einreden möchte, daß die Brüderlichkeit uns ein
phrasenhaftes Wort geworden sei. Recht laut und rückhaltlos sollten wir
Menschen wieder lernen es der Revolution nachzusprechen, und der
Revolution vorzusprechen: daß die Menschen Brüder sind.
(Aus dem 1907/08 erschienenen Essay 'Die Revolution')
ZUM GEBURTSTAG DES PHILOSOPHEN
Über den Autor (1870-1919)
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