Ob der musikalischen Erfindung des Ludwig Schuhlin Größe in dem
Umfang innewohnt, wie er sie ihr zumaß, wird die Zeit lehren. Ob er die
gewaltige Überzeugung hatte, die er zur Schau trug, weiß Gott allein.
Die ihm nahestanden, wurden von seinen Stücken gerührt; weitere Welt hat
ihnen den Erfolg versagt.
Schuhlin kam aus der Tiefe des Volkes. Proletarisch ernährt und
erzogen, lief ihm das Leben bis ins Jünglingsalter schmucklos hin. Ein
Pianoforte, aus einem Erdgeschoß klingend, traf sein Herz mit edler
Empfindung, setzte ihn in Schwung, dem er nicht mehr entrann. An eine
Regentraufe gelehnt, hörte er viel feierliche fröhliche Musik, die sich
in seine Seele senkte. Bis er eines Tages entdeckt, von dem gerührten
Spieler in dessen Umgebung gezogen wurde. Hinhörend, lernte er des
Spieles Elemente, griff begriff Tasten und ihre Bedeutung. Welt ward ihm
völlig Klavier. In Terzen Quinten Oktaven sprang sein Denken, Dur und
Moll spannte sein Herz. Über die Leiter Schubert- und Beethovenscher
Empfindungsstürme entrückte er dem gemeinen All, stand mit zwanzig
Jahren in Kleidern des Kleinbürgers in Sphären auserwählter Menschheit.
Geld auf Fahrten verdienend, die er mit einem Flötenbläser, einem
Trompeter über Märkte seines Bezirkes zu Kirmes und Kirchweih unternahm,
gab er es nur zu Teilen für seinen Unterhalt aus, verwandte das meiste
für Unterricht bei bedeutenden Lehrern, bis er große Klavierstücke so
selbständig aus dem Flügel hämmerte, daß ihm innere Bewegung
verständiger Zuhörer überall gewiß war. Da verließ er die Heimat, gewann
auf Reisen Sicherheit der Lebensformen. Man traf ihn im Frack, den er
nicht übel zu tragen wußte, nach dem Abendessen in Salons reicher
Kaufleute vor dem Klavier. Den schönen Kopf über das Notenblatt gehoben,
spielte er, und bürgerliche Frauen öffneten ihm die Herzen. Stand er
auf, kam, von rhythmischen Wellen getragen, durch den Raum, senkte er
den Blick in
begeisterte Augen, die er merkte, von denen er Lohn forderte. Überall
nahm er das leicht zu ergreifende Weib mittlerer Kreise als Beute,
schüttelte ihr geringes Eigenteil, mit dem er sich stärkte, aus ihr
heraus. In immer bessere Zirkel brachte ihn die mit Begeisterung geübte
Kunst, ihm fehlte bedeutendes Einkommen lebhafter Beifall nicht. Sein
Selbstbewußtsein verlangte überzeugendere Erfolge: Verehrung einer
großen Dame, Freundschaft eines in den Künsten dilettierenden Mannes von
Welt. So wurde er der repräsentable Geliebte reicher Frauen, die sich
langweilten, geistiger Zusammenklang blasierter Dandys.
Doch war seine Hingabe und Aufopferung größer als desjenigen,
der den Bund mit ihm schloß. Denn seines Gehirnes Kraftentfaltung war
Entgelt für ruhende Güter, die der andere aus Geburt und Vererbung
besaß. Nie war Schuhlins Übergewicht so groß, daß ein Mensch sich ihm
einfach beugte. Er bedurfte des polierten schwarzen Kastens,
Aufmerksamkeit, die seine Eigenliebe wollte, zu erzwingen. War aber
Zuneigung erlangt, wuchs nie er dem andern ans Herz, doch Vorstellung
gespielten Klaviers, musikalisches Genie eines Toten mit ihm. Aus
Liebesversunkenheit lallte die Frau nicht das bezügliche Wort, doch eine
empfindsame Tonfolge, deren Schöpfer nicht, deren Vermittler er war.
Das heimlichste Gespräch, jeder kostbare Augenblick des Lebens glitt
über ihn zu den ursprünglicheren Geistern hin, deren Einfälle er auf
Tasten spielte.
Im zarten Anschlag einer Nerve spürte er vom Nächsten ein
Gefühl, das über prompt zu Lieferndes quittiert. Ein blasiertes »danke«,
das man dem Bedienten lispelt. Kein spontaner Dank, Jubel kam ihm
entgegen, hob sein Herz zu Sternen. Davon wurde er krank, begann
Erreichtes, den augenblicklichen Zustand zu hassen, floh aus bequemen
Verhältnissen aufs Land, wo er in einem Bauernhaus am Seeufer
Vergangenheit und Zukunft umständlich bedachte.
Er
begriff, reproduzierendes Künstlertum konnte der Hebel nicht sein, mit
dem Welt aus Angeln heben, der in ihm gärende Machthunger sich
befriedigen ließ. Keinen Augenblick zögerte er, Brücken zur
Vergangenheit abzubrechen, verschwand von der Weltbühne, rollte sich ein
Igel in des ländlichen Platzes Einsamkeit, wo er drei Jahre lang das
mächtige eigene Wesen in Scharniere preßte, keinen Hauch seiner Person
durch Gespräch oder Mitteilung entweichen ließ. Wie in einen Spartopf
senkte er mit grimmigem Lächeln jeden Einfall ins eigene Innere, verbot
sich den winzigsten Gedanken von sich fort. Abends faltete er Hände im
Bett über den schwellenden Bauch, freute sich, als Wesensüberfülle gegen
des Leibes Wände tobte. Nachdem er der Stärke des Dranges sicher
geworden war, legte er Notenpapier vor sich hin, und wie hochgespannter
Dampf durch geöffnete Hähne zischt, fuhr Empfindungssturm in Noten auf
die Seiten. Er sah die ersten Niederschriften, verglich sie, begriff
ihren unterschiedlichen Wert. Auf Spaziergängen ließ er das wenigste
gelten, nahm es in sich zurück, sah die geläuterten Themen in gültiger
Form als seine ersten Lieder aufgezeichnet.
Aus Gedichten Hölderlins wählend, was durch des Gedankens
Verwandtschaft vereint war, drängte er zwei Dutzend Gesänge in heftigem
Schaffenssturm zusammen, erschien von neuem mit dem Manuskript in der
Hauptstadt. Versammelte den Kreis ehemaliger Freunde, spielte das Werk
mit so innigem Ausdruck, daß die Zuhörer gepackt waren, er selbst von
seiner einzigen Bedeutung überzeugt wurde. Mit Wucht etablierte er vor
sich und anderen des Genius Geste, der außerordentliche Rechte hat, nahm
ohne Bedenken von bemittelten Anhängern den monatlichen Zuschuß, der
ihn ernähren mußte. Saß die Gesellschaft nach dem Vortrag einer
gelungenen Komposition ergriffen um seinen Platz am Flügel, brachte er
ihr, von Schöpferglück geschwellt, die Überzeugung bei,
es sei
ihres irdischen Daseins besserer Zweck, ihm auf alle Weise über des
Lebens Härten zu helfen. Ihr Lohn sei ihnen in seiner Lebensbeschreibung
gewiß. So ließ sich geschmeichelte Wohlhabenheit zu Aufwand herbei,
verschönte sein Leben mit praktischen Gaben, verschwenderischem Lob. Er
aber, von überallher Anerkennung schlürfend, schwoll zu einem Koloß des
Selbstbewußtseins, der nicht duldete, daß in dem von ihm beglückten Haus
von anderem als von ihm die Rede war, wobei, ob man seine menschlichen
oder künstlerischen Eigenschaften mehr verherrlichte, ihm gleichblieb.
Dazu schied er den Freund vom Freunde, indem er den verächtlich machte,
Gatten voneinander, weil jede Gemeinschaft zweier Wesen seinen Zwecken
gefährlich schien. Nie versäumte er, war ihm ein Eindruck aus seiner
Person gelungen, auf jemandes Niedrigkeit, der bedürftig war,
hinzuweisen. Wie zum Teufel verdiente der Betreffende Teilnahme, während
Auserwählte mühsam ihr Leben fristeten? Müßte er nicht immer noch,
nachdem Gott ihm den genialen Einfall seines großen Klavierkonzertes
geschenkt hatte, auf die notwendige Erholungsreise in den Süden
verzichten? Wer von den Anwesenden ahnte überhaupt etwas von den
zerfleischenden Ausgleichungen, die in der Seele dämonischer Menschen
stattfinden? Und von Ergriffenheit über sich selbst gepackt, vermochte
er ein Tonstück so rührend zu spielen, daß die im Gewissen gemahnten
Freunde sich ernstlich, ob ihnen Besitz vor Schuhlin erlaubt sei,
bedachten. Es lief der Hausherr zum Bücherschrank, und ein kostbares
Werk aus den Reihen nehmend, dem Meister zum Andenken an den feierlichen
Abend reichend, zwang er Tränen aus der übrigen Augen, die sich jeder
weitere Opfer gelobten.
Als Schuhlin sah, welche unwiderstehliche Macht er auf törichte
eitle Menschen hatte, ergriff ihn die Vorstellung phantastischer
Möglichkeiten. Wirkung auf sie, Absicht mit ihnen wurde des Lebens
Hauptzweck, er ließ
seine
Arbeit ruhen. Mächtig reizte es ihn, fühlte er eines Opfers
Bereitwilligkeit, das weit über ursprünglich gesetzte Grenzen zu stoßen.
Widerstände mit Worten rührenden Gebärden fortbiegend, schritt er über
den Schwächeren auf Ziele zu, die ihn anfangs nur mit der Wonne, Sieger
zu sein, beglückten. Später sog er aus der Überwindung fremder Person
umso größeren Genuß, je mehr der Besiegte, wenn möglich ein dritter,
verächtlich durch sie wurde. Denn aus der Niederwerfung sittlich
Entseelter trank er mühelos und gründlich den Rausch zügellosen
Selbstbewußtseins. Doch die auf die Knochen Geprügelten fingen, ihn zu
scheuen, an, mieden ihn; Fama begann, Neugierige zu warnen. Wie er
Anstrengungen verdoppelte, Ruten geschickter legte, die Opfer wurden
selten und magerer, letzte Versuche, die er mit Aufwendung
gleißnerischer Tränenströme hysterischer Erschütterungen anstellte,
einstiger Macht entscheidenden Erfolg zu spüren, schlugen fehl. Die
Wirkung des allzu bekannten oft gehörten wenig umfangreichen
musikalischen Werkes, seiner menschlichen Spiegelfechtereien war
erschöpft. Die unwiderstehlichen Energien großer Städte drückten ihn in
den Schatten. Innere und äußere Existenzmittel begannen zu fehlen.
Ehe das Elend ihn völlig erreichte, war er zum zweitenmal in
die ländliche Vergessenheit enteilt, mit Haß gegen die Welt, die seinem
eisernen Griff entschlüpft war, gefüllt. Er begriff nicht, wie sich der
Mensch, der bei Verstand war, der Wollust, von ihm Gottbegnadeten
beherrscht zu sein, entziehen mochte. Dieses Gottesgnadentums selbst
wieder inne zu werden, setzte er sich an ernsthafte Arbeit, entzündete
sich an der unbesiegten erweiterten Schöpferkraft, die aus ihm brach,
Begier Machtwillen Dämonie, den Verein ihn aufwärtsstoßender Triebe
türmte er zu Tongebilden, aus denen nach Ausbrennung der Schlacken
heroisches Menschentum klang. So finden wir ihn am
strahlenden Sommertag bei offenen Fenstern vor dem Instrument. Beine
wuchtig ins Pedal gestemmt, zwei gespreizte Hände voll zuckender Tasten,
schlägt die gesammelte Person ihren unbeugsamen Willen prachtvoll aus
dem Klavier.
Es gab keine Seele im Dorf, die von der Schallkraft aus
Schuhlins Haus nicht gepackt wurde. Mit Widerstand oder andächtigem
Hinhören nahmen sämtliche Bewohner Stellung zu ihr. Klara Kroeger, eine
junge Blondine, die in dem waldreichen Ort Erholung suchte, wurde von
ihr, wie einst der halberwachsene Ludwig vom Spiel eines anderen, im
eigenen Wandel aufgehalten, zum Ausdruck fremden Ichs gezogen. Auch sie
umkreist das Haus mit angehaltenem Atem, in dem Gefühlsstürme jauchzen,
auch sie wird vom Spieler durchs Fenster gesehen, läßt sich, halb fähig,
halb unfähig, sich zu entfernen, von ihm finden. Ihn umhing alle Pracht
und Wärme der aus ihm entbundenen Musik, als er kam, sie stak in der
Hingabe Mitten, da er zum Willkomm sie bei der Hand nahm. So führt er
sie ins Haus zu ihrem Platz bei ihm im Zimmer, vollendet am gleichen Tag
das Werk der Verschmelzung ihres Schicksals in seins.
Doch wie vieler Menschen Los vorher von ihm abgehangen hatte,
um jede Seele hatte er, bis sie erlag, gegen Widerstände kämpfen müssen.
Und auch dann hatte es Augenblicke, in denen sich der Unterworfene zu
eigenem Willen zurückfand, gegeben. Hier lag vor jeglicher Empfängnis
die junge Person seinem gierigen Blick bloß. Haut Haar jeder Eingang
Leibes und der Seele war unbefleckt. Erstaunen gerührte Überraschung zu
jeder Geste atmete ihn an, als bewegte er von allen Dingen dieser Welt
mit Schöpferfingern zum erstenmal die Schleier fort. Er sah, sein
plattes Wort entwirrte Geheimnis für sie, und so willige Andacht
bereitete ihm unaussprechliche Lust. Denn unumschränkter als je über
einen Menschen herrschend, spürte er, welcher Kräfteaufwand bei ihr
erspart
war.
Hier blieb er vom Aufstehen bis zum Niederlegen König, ohne mehr als der
seiner läßlichen Bequemlichkeit hingegebene Mensch zu sein. Sie war, wo
sie sich um ihn bewegte, seines leisesten Rufes nach Anerkennung
bereites Echo. Tauchte in seines Auges Grund Herrschwille als Flämmchen
nur auf, breitete sie weibliche und menschliche Bereitschaft als Teppich
vor ihn. Wohin er trat, kniete sie, ihn huldigend zu empfangen. Sein
stets möglicher Marsch durch sie räumte ihm die Vorstellung aller
Widerstände von außen gegen ihn und sein Werk aus dem Sinn, vollendete
in diesem Mann ein Maß von Selbstbewußtsein, das man in der Welt noch
nicht gesehen hat.
Seine Bewegungen erhielten zu dieser Zeit Wucht und Schwere,
als wirkten innen mächtige Gewichte. Er sprach mit so ungeheurem Pathos,
als müßte die Rede dem Hörer eingestampft werden. Daß er diesem
gesteigerten Ausdruck einen entsprechenden geistigen Inhalt unterlegen
konnte, war Folge einer Selbsterziehung, die mit dem Fortschreiten Hand
in Hand gegangen war.
Band er sich damals morgens vor dem ovalen Spiegel im
Schlafzimmer die Krawatte, sah über seine Schultern das bezauberte
Mädchen; trafen sich im Glas ihre begeisterten Augen mit dem Ausdruck:
welch ein Mann Ludwig! Klara, sieh nur, welch ein Mann!
In inniger Gemeinschaft mit dem Weibe entstand manches Werk,
und da es den Musiker letzthin deuchte, die kleinen monatlichen
Beiträge, die zwei treugebliebene Anhänger aus der Stadt sandten, die
sein ganzes Einkommen ausmachten, würden unpünktlicher und weniger gern
gezahlt, beschloß er zu Vorstoß von sicherer Warte, sich vorübergehend
in die Welt der Menschen zurückzubegeben. Doch so war der Eindruck auf
die Freunde gewesen, daß sie das Mal seiner Herrschaft noch im Fleisch
spürten, nicht Lust hatten, es vertiefen zu lassen. Sie versteckten
sich, und nur an einem Abend gelang es, mehrere Verehrer in ein Zimmer
zu versammeln, wo er sein
symphonisches Stück über ein ländliches Thema spielte. Die Hörer blieben
mit Abwehr gegen ihn kühl und vollkommen höflich. Unmittelbar nach dem
Vortrag gab man zu essen und zu trinken. Vereinter Wille hielt das
Gespräch von seiner Schöpfung fern. Anderen Tages fuhr er heim, und kaum
war Klara seines Ausdrucks ansichtig geworden, als sie ihn mit der
Erzählung eines Traumes überraschte, in dem er den beispiellosen
Enthusiasmus einer vor das Haus versammelten Menge entgegengenommen
hatte. Vorher sei im Traumbild eine überirdische Person aufgetreten, die
ihr verkündete, es stünde dem geliebten Freund Leid des mißverstandenen
Künstlers in außergewöhnlichem Umfang bevor. »Laß dich also«, fügte
sie, bevor Schuhlin zu Wort gekommen war, hinzu, »vom großen Erfolg, den
du hattest, nicht täuschen. Der Beifall beweist, man hat dich völlig
mißverstanden.«
Schuhlin beruhigte sie. Der Eindruck sei nicht groß gewesen. Er
war aber durch des Mädchens Verhalten in die alte Sicherheit gewiegt,
und des Ausfluges einzige Folge blieb, daß er sich endgültig von
Menschen zu Klara zog, die den doppelten Vorteil, Schutz gegen die
Außenwelt zu bieten und hemmungslos in seine Gewalt verloren zu sein,
gab.
Er heiratete sie, ihr letzte Wege zur Umkehr abzusägen. Seines
Opfers verklärten Blick, als sie vom Standesamt heimkamen, beantwortete
er mit so ausholendem Druck beider Hände in ihre Schultern, daß sie in
Knien knickte. Dann ließ er ein Leben beginnen, in dem er durch des
Weibes schöpferische Demut als Künstler Mensch und Mann Herr des
Universums war; denn Klara begnügte sich nicht mehr, seine Winke
vorzuerfüllen. Weit über seine Begriffe flog ihre Vorstellungskraft,
blies ihm mit immer größerem künstlerischem Ansinnen an sich ihre
tiefere Unterwerfung als Forderung belohnenden Ausgleiches ein. Da
zögerte er nicht länger, sich für jede gelungene Harmonie hohen Preis
aus ihrem zur Kreuzigung
bereiten
Leib auszuzahlen, hätte zwischen Werktätigkeit und der einzigen Frau ein
in häusliche Stürme begrenztes Leben bis ans Ende seiner Tage geführt,
wäre er durch das unentschuldigte Ausbleiben jeder Subsidienzahlung
nicht vor die Frage, wie er den irdischen Leib ernähren sollte, gestellt
worden.
Zwar drängte Klara auch da, mit allen Kräften einzutreten. Sie
hatte ein bedeutendes photographisches Talent und konnte in absehbarer
Zeit zu verdienen hoffen. Doch war Schuhlin überzeugt, es würde, was sie
vermöchte, auch bei angestrengtem Fleiß für ihn zu behaglichem Leben
nicht reichen. Vom Ertrag seiner gedruckten Kompositionen aber war, wie
die jährlichen Abrechnungen bewiesen, nichts zu hoffen, und so begann
Unsicherheit, woher die notwendigen Existenzmittel in Zukunft regelmäßig
zu beschaffen seien, des Hauses Frieden zu verwirren.
Da betrat eines Tages ein junger Mensch Schuhlins Wohnstube,
brachte vor, er sei Musiker, habe des Meisters Vortrag vor Wochen in der
Hauptstadt gehört, und durch Größe der Komposition und des Spielers
Person zu doppelter Bewunderung hingerissen, sei er zur Prüfung des
eigenen Ichs geschritten. Das Ergebnis bilde seines Unvermögens
Erkenntnis nach jeder Richtung und den unbeugsamen Willen, sich in
Zukunft dem erwählten Vorbild anzuschließen. Sein Leben, sollte es
höheren Zweck haben, müßte unter Schuhlins Leitung in dessen
unmittelbarer Nähe geführt werden. Er besitze Mittel, methodischen
Unterricht geraume Zeit zu entgelten, flehe den Meister, ihn nicht von
sich zu weisen, an. Bei diesen Worten hatte sein Antlitz sich gerötet,
Augen aus Höhlen, glänzten. Schuhlin stellte, ihn betrachtend, fest, mit
dem Sturm solcher Erregung müßten sich, würde er in richtige Bahnen
gelenkt, Effekte erzielen lassen. Der Mensch und seine Ergebenheit für
ihn war angenehm. So ließ er Allgemeines in Lehrsatzform hören,
verabredete Näheres mit dem Schüler über dessen Unterbringung im Dorf
sowie über
die
Einteilung künftiger Tage. Denn da das Zusammensein sich nicht auf die
Unterrichtsstunden beschränken sollte, sei es richtig, durch keine
Abhaltung verhindert, sei der Lernende dem Lehrer stets zur Hand. Im
Hinblick auf dies Ziel wurde Nötiges von den Männern in die Reihe
gebracht. Es freuten sich die Gatten des Ereignisses, durch das mit
einem Schlag alles Gewölk verscheucht schien. Klara pries des jungen
Mannes Entschluß, verklärte sein Auftreten seine Erscheinung. Hier habe
Schuhlin an einem Fremden den Beweis, welche Wunder seine Kunst auf
unverbildete Jugend wirke.
Harmonisches Leben begann. Neander wurde im Kontrapunkt,
fleißig im Klavierspiel unterrichtet. Was er nach neuzeitlichen Methoden
gelernt, von moderner Musik gehört hatte, wurde verworfen. Über aller
Tonkunst stand Sebastian
Bach, der Gott. Neben ihm als Götter
Haendel und Philipp
Emanuel, des Vaters Sohn. Mit
Mozart kam
fin de siècle-Kunst,
Beethoven schien Barock; alles Fernere Unsinn. Es galt, an
Quellen zurückzufinden, neue Wege zu suchen. Mit schönem Ernst legte
Schuhlin die Überzeugung in des Jünglings Seele von der
unvergleichlichen Wichtigkeit ihrer gemeinsamen Aufgabe. Vor dem
Instrument, wurde eines Sextakkordes, einer Synkope Ursinn aufgedeckt,
strahlten ihre Augen in freudiger Erleuchtung. Spielte Neander vom
Blatt, genügte des neben ihm sitzenden Lehrers rhythmisches Nicken,
dessen huschende Handbewegung, daß der Schüler des Musikstückes
verborgenen Sinn erriet. Um ihre Körper stand eine heiße Wolke steil,
die sie von der Welt abschloß, die sie erst durchbrechen mußten, erhoben
sie sich nach beendigtem Spiel. Schuhlins bedeutende Anmerkungen beim
Unterricht zeichnete der andere in ein Buch auf, trug des Meisters Wesen
auch in Freistunden bei sich. Hing an dessen Mund, wo der stand und
ging. Manchmal spintisierte der Ältere auf Spaziergängen. War ihm des
Rätsels Lösung gekommen, wandte er das Haupt
dem
Gefährten zu, hatte der die gleiche Erkenntnis in den Augen. Bei solchem
Vorfall griff Neander, da sie im Wald auf einer Lichtung rasteten, nach
Schuhlins Hand und küßte sie. Dem aber hatte es geschienen, auch des
Jünglings Knie seien gewichen.
Auf dem Heimweg – Neander ging einen Schritt voraus – umfaßte
mit mächtigem Griff Schuhlin des anderen Arm, zog die ganze willige
Person an sich heran. Der Gepackte dreht das Haupt gegen den verehrten
Mann, senkt mit dem Gelöbnis ewiger Treue den Blick in die ihn
anherrschenden Lichter.
Fortan bildeten die drei eine Gemeinschaft. Neander nahm an
allen Mahlzeiten teil, übersiedelte auf Klaras Aufforderung ins Haus. Im
engen Heim war man auch dann beieinander, befand sich jeder im eigenen
Zimmer. Strich man tagsüber durch schmale Stuben, berührte man sich;
blieb immer im Dunstkreis der Gefährten. Aus der innegewordenen Enge des
Raumes nahm Schuhlin den ersten sichtbaren Beweis seiner gleichmäßigen
Macht auf beide Mitbewohner. Denn seine Bewegungen nicht beschränkend,
doch mit Griff und Tritt ausladend, zwang er Weib und Schüler zu
beständigem Ausweichen und Zurücktreten vor ihm und, da er immer der
Stuben und des Flures Mitte besetzt hielt, gewöhnten sich die zwei
daran, an den Wänden hinzuschleichen, an Sitzen und Verweilen in
entfernten Ecken. Doch war es ihnen natürlich und angenehm.
Und wie froh wurden sie beim Essen um den runden Tisch! Zuerst
flogen Schüsseln zu Schuhlin, der sich mit ausgesuchten Stücken
regalierte, weitergab. Bescheiden nahmen die Mitessenden, bedacht, es
möchte ein zweitesmal für den Meister reichen. Eigener Nahrung nicht
achtend, folgten sie jedem Bissen des Hausherren mit Aufmerksamkeit und
Genuß. Hei, war ein Braten gelungen! Was gab es für ein Schmunzeln,
saftige Bemerkung des Zufriedenen! Und immer strahlender wurde seine
Laune,
prasselnder
sein Witz, bis er bei Kaffee und Zigarre, die man ihm nur anrichtete,
freundliche Blicke für seine Umgebung hatte. Um Belohnung durch solchen
Blick war es den beiden zu tun. Sie steckten die Köpfe zusammen,
berieten, was man morgen zu Tisch geben sollte. Obwohl Neander hübschen
Unterkunftspreis bezahlte, reichten Klaras Mittel, des vorgeschlagenen
Mahles Kosten zu bestreiten, nicht immer aus. Dann legte der Pensionär
eine Mark, einen Taler zu, geplanten Schmaus und die mit Sicherheit
folgende Belohnung zu ermöglichen, und als sie eines mißlungenen knappen
Mittagessens schrecklicher Eindruck beide ein einziges Mal getroffen
hatte, gewöhnte Klara sich, breiterer Haushaltführung erhöhte Kosten
ohne weiteres von Neander zu fordern, der ein übriges tat, einen
Leckerbissen Frühgemüse Wildbret ins Haus brachte. Dann kam für das
ausgegebene Goldstück von der Hausfrau entzücktem Händedruck bis zu
Schuhlins wollüstigem Verdauungsschnaufen unaufhörlicher Dank an den
Geber, Feststimmung ins Haus, die, schlürfte der Meister ans Klavier und
gab seiner dankbaren Gemütsstimmung tönenden Ausdruck, ihren Gipfel
erreichte.
So lief die Zeit. Draußen in der Welt gab es Ereignis auf
Ereignis; Politisches Kulturelles beschäftigte die Zeitgenossen.
Luftschiffe wurden wichtig, ein afrikanischer Aufstand. Es tobten und
beruhigten sich die Börsen abwechselnd. Im Haus am bayrischen Bergsee
nahm man von nichts Kenntnis. »Was leistete Musik bis zu Ludwig
Schuhlin, und wie geht dessen Werk über alles Erreichte hinaus« hieß das
in unzähligen Varianten behandelte Thema. Der Meister im Lehnstuhl läßt
die Trabanten Fragen um diesen Kern stellen. Dann spricht er gütig
anerkennend von großen Musikern vor ihm, macht kluge Anmerkungen zum
eigenen Schaffen, läßt durch den beseelten Blick ahnen, alles von ihm
Fertiggestellte sei im Grund Stückwerk, und seiner Sendung wahrer Anlaß
ruhe in der Zukunft Schoß.
Regung der
Zuhörer ist verstummt. Glieder und Blicke sind in Andacht gelähmt.
Schuhlins Atem strömt nach schönen Perioden seiner Satzbauten in breiten
Wellen. Er lächelt gerührt, eine Träne hängt ihm im Auge. Er verläßt
das Zimmer.
Doch während Klara in den Stuhl gestampft sitzt, läuft der
Jüngling mit erhobenen Armen gerollten Fäusten von Tür zu Tür,
hingerissene Begeisterung macht sich in Stöhnen und Seufzen Luft. Er
faßt Klaras Hände, und mit Druck und Widerdruck verständigen sich die
beiden über Anfang und Ende einer gemeinsamen Welt. Ihrer selbst waren
sie blind und taub. Es wußte der eine vom Gesicht des anderen nichts.
Gegenseitiges Wesen, Gestalt blieb ihnen Luft.
Also waren sie einander nicht im Weg, bis im Bestreben, aus
abendlichen Plaudereien Erkenntnisse festzustellen, der ältere Mann
Aufmerksamkeiten für den anderen, die das Weib ausschlossen, hatte. Da
Neander gleichzeitig begann, Geschenke Kosthappen Flaschen guten Weines,
doch auch Klavierauszüge und Gebrauchsgegenstände aller Art mit
Umgehung Klaras an Schuhlin auszuliefern, sah sich die Hausfrau in
Gefahr, in unebenbürtige Stellung gedrängt, aus Gemeinschaft
ausgeschlossen zu werden. Ihre mit Tatkraft unternommenen
Gegenmaßregeln, den Gatten nachts, war er nur ihr erreichbar, mit allen
Mitteln an sich zu ziehen, konnten nur halben Erfolg haben, da mit
Tagesanbruch die Bindung zwischen den Männern wiederhergestellt war,
Neander zielbewußt jeden Erfolg Klaras, den er wahrnahm, durch immer
kostspieligere Überraschungen für Schuhlin ausglich. Des Eindringlings
Überlegenheit war, bei gleicher Hingabe Leibes und der Seele beider an
den Herrn, durch geldliches Vermögen gewährleistet. Das zu zerstören,
sah Klara als ihres Lebens nächsten unvergleichlichen Zweck ein.
Sie stellte sich, als sei ihr um des Vergnügens willen, das er darüber empfand, ihres Mannes engeres Zusammengehen
mit dem
Schüler angenehm. Bei jedem Geschenk für ihren Gatten schien sie sich
mitzufreuen, und nachdem sie aus Neander die Höhe der ihm zur Verfügung
stehenden Mittel gelockt, die Geringfügigkeit einer Summe von
vierundsechzigtausend Mark dem zu leistenden Aufwand gegenüber erkannt
hatte, reizte sie ihn, Schuhlins beiläufig geäußerte Bedürfnisse zu
befriedigen. Dem brachte sie auf unterirdischen Wegen im Bett immer
gesteigerte Wünsche bei: wie mußte sich ein Teppich im Wohnzimmer
ausnehmen? Gewänne er mit einem Fahrrad nicht die Fähigkeit, die
herrliche Umgebung im Umkreis kennenzulernen, aus Kenntnis zu
beherrschen?
Schuhlin schien's, zum erstenmal sei er mit Gott einig. Wie
sich die beiden Geschöpfe an seiner Seite tummelten, bis ins Innerste
regten, daß Sinn und Nerve für ihn zitterte, fand er als
Schöpfungseinfall prachtvoll sinngemäß. Im Ausdruck glaubte er manches
steigern, folgerichtig verknüpfen zu können. Hier zügelte er Neander, da
stieß er Klara vorwärts, wies und verwies sie, sprach von Himmel und
Erde, in welcher Erscheinungsform sie ihm angenehm seien, was geschehen
müßte, den ersehnten Zustand der Elemente mit Menschenmitteln immer für
ihn herzustellen. Wie man Licht blende verstärke, Geräusche abstelle,
Schwingungen Gerüche verhindere, wirken lasse. Kurz: spitzte der
Unterworfenen Ohren für der Atmosphäre leisesten Hauch.
Ihre Zwistigkeiten entgingen ihm mitnichten. Er peitschte sie
mit Wettstreit. Potz! sagte er zu Klara, Hei! zu Neander und ließ in
beiden die Motore knattern. Sie fuhren ihn, während Gas auf die Ventile
drückte, mit letzter Übersetzung über des Tages steilste Hindernisse,
lagen abends, ausgeblasene Hülsen, vor ihm, aus denen er Luft mit Füßen
trat. Mit Hebel Kupplung Bremse fuhr er sie, wohin er wollte.
Darüber hinaus mußten sie Einfälle haben, sollten nicht nur wirklich, auch transzendental sein. Mit dem Mann
gelang das am besten. Immer demütiger bot das Weib nur Fleisch an. Doch zuckte der Jüngling manchmal ins Erhabene.
So riet er, Schuhlin sollte sein Bett in der breiten Wand Mitte
stellen, daß er durchs Fenster über die Landschaft gen Osten zum
Horizont in aufgehende Sonne wie Louis Quatorze zu Versailles blickte.
Das wurde gleichen Tages angeordnet. Klara flog zu Neander ins
Beigemach, und Schuhlin holte nachts allein im Schlafgemach breiteren
Atem.
Vier sehnsüchtige Augen hingen an der Tür, aus deren Spalten
Licht drang, las der Herr vor dem Einschlafen noch die Zeitung. Rascheln
umgewendeten Papiers, Geräusch des sich rekelnden Körpers, ein Knacken
der verlöschenden Lampe, erregte zwei hochaufhorchende Herzen. War alles
still, belauschten Weib und Mann, parallel ausgestreckt an
entgegengesetzten Wänden, mit Neid und Erbitterung den gegenseitigen
Herzschlag.
Doch während Schuhlins menschliches Ausmaß wie eines
ungeheueren Baumes Krone das Dach des Hauses durchbrach, alles, was in
ihm tot und lebendig war, beschattete, in Klaras Herz sich Haß gegen
Neander zu einem Zuckerhut aus Stahl verdichtete, der eines Tages mit
Geschrei des Fluges sein Sprengmehl als furchtbaren Strahl auf ihn
niederstreuen mußte, schmolz dem durch wütende überstürzte Ausgaben das
mitgebrachte Geld. Die Gewißheit erfüllte Klara mit so heißer
Schadenfreude, daß ihr Antlitz brannte, den Verschwender zittern machte,
ihm jede Genugtuung zerschlug. Von des Weibes Gesicht konnte er den
Blick nicht wenden, fürchtete ein in ihm auftretendes Lächeln, bevor es
dawar. Je kleiner seine Barschaft wurde, um so toller schien der Feindin
Grinsen. Durch schwarze Nacht glaubte er ihre verzerrten Züge zu
erkennen, und ob er sich in die Decke vermummte, es lächelte um ihn,
hinter ihm her. Als er einst ein ersticktes Kichern hörte, sprang er aus
den Kissen
mitten ins
Zimmer so zischenden Atems, daß ihm die Bedrohte auf nacktem Boden
entgegenstand. Dort griffen sie sich bei Leibern, und stumm rissen
traten schüttelten sie einander, bis ihnen das Leinen in Fetzen hing, im
Allerheiligsten sich leichtes Stöhnen hören ließ. Da nahm jeder die
Fänge von des anderen Fleisch, kroch geschunden auf seine Matratze
zurück. Zu solcher nächtlichen Melodie klang weiter bei Tag Schubert
Chopin Schuhlin mit Symphonie und Sonate. Aus Himmeln wurden zwei
Menschen in Abgründe geschleudert. Unaufhörlich trieb sie ein Mühlrad
aus Sternen zur Hölle, wieder hinauf.
An Schuhlins fünfunddreißigstem Geburtstag waren vier Jahre
ihres Zusammenlebens vergangen. Gegen Abend dieses Tages sprang dem
Hausherrn wieder der Gedanke, dessen er sich immer weniger erwehren
konnte, ins Bewußtsein. Würde man sich heute zur Nacht getrennt haben,
wollte er im Bett von Grund auf feststellen, was ihm seine Spekulationen
in runden Zahlen verbürgten, was Klara, die er, ihr photographisches
Geschick durchzubilden, getrieben, die in Dorf und Umkreis schon
Einnahmen mit ihren Bildern hatte, bei zielbewußter Arbeit, was Neander
durch Klavierunterricht für ihn verdienen mußte. Bringe er Auslagen für
Fahrgeld, Einnahmeminderung durch Krankheit der Verdienenden, alles
Unvorhergesehene vom durchschnittlichen Erträgnis in Abzug, glaubte er,
die Summe von zwölftausend Mark als nicht mehr zu bezweifelndes
Jahresergebnis der gemeinsamen Arbeit für ihn einsetzen zu können. Durch
Hin- und Herrechnen wollte er der Sache heute nacht schriftlich zu
Leibe, genaue Bilanz mit schwarz und roter Tinte machen.
Immerhin freute er sich der gefundenen Zahl, die er mit oft
verändertem Tonfall vor sich hinsagte, von Herzen. Am Tisch sitzend,
hatte er Beine von sich gestreckt, die Zunge stand durch Zähne aus
geöffnetem Mund schweißend hervor. Volkslied ging ihm mit: »O wie wohl
ist mir am Abend« durch den gehobenen Sinn. Als er aus
günstigen
Voraussichten ein hinreichendes Maß Behagen in sich gesogen hatte,
formte er, an den Flügel sich ziehend, den anmutigsten Tanz auf Tasten,
aus dem er, eine Gegenbewegung zögernden Zweifels erfindend, Hoffnung
fröhlicher klingen ließ. Dann riß er das Thema durchs Gewissen in höhere
Sphären, ließ Taktgefüge wuchtiger brausen, Harmonien die Melodik
begründen, bis seines blühenden Daseins, angenehmer Zukunft Gewißheit so
süß aus Saiten rauschte, daß sich überall Tür und Fenster auf die
Straße öffneten, Menschen aus Stuben lauschten.
Ins Zimmer aber traten vor des Spielenden transparent
erleuchtete Augen zweier Menschen liebende Antlitze. Langflügelige Engel
Fra Angelicos stützten sie sich von beiden Seiten an das tönende
Instrument. Aus geblähten Backen blies so gewaltig aus Posaunen ihrer
Seelen zustimmender Oberton, daß er das Segel von Schuhlins Herz wellte,
es beflügelter Ja und Amen zu der Absicht, die es mit den zufriedenen
Opfern hatte, spielen ließ.
Als man die schweigende Mahlzeit, bei der Blicke hin und her
sprachen, beendet hatte, zog Neander feierlich eine Zigarre, die er dem
Meister reichte, aus der Tasche. Sie war lang dick, glatt gedreht, von
graubrauner Farbe. Ein breiter Ring aus gold und rotem Papier lief um
ihre Mitte, auf dem das Wort »Intimidad« stand. Hoch auf zuckte Klara im
gleichen Moment, wußte sie doch, hier gab der Nebenbuhler seines
Vermögens Rest fort, habe in Zukunft keinen Vorteil mehr vor ihr voraus.
So erschütterte sie die ersehnte Wahrnehmung, daß sie die Augen schloß,
Gesichtsmuskeln verhielt, fürchtend, des ausbrechenden Glückes Gewalt
könnte Neander zu einer Verzweiflungstat augenblicklich hinreißen. Wie
inständig der ihr Antlitz durchforschte, er fand in ihm gleichmäßige
Ruhe.
Schuhlin schnitt mit leichter Verbeugung gegen den Geber
umständlich die Spitze der Zigarre herunter, beroch klopfte schüttelte
die Havanna, bis er sie mit zwei Streichhölzern von allen Seiten in
leuchtenden Brand
setzte.
Während sich Wölkchen hoben, Ringe Blasen gezackte Ränder, aus des
Rauchers Mund und Nase gestoßen, Klara hinter gekniffenen Lidern jeder
einzelnen, die verschwebte, folgte, trat Neandern kalter Schweiß auf die
Stirn, des Zimmers Boden schien zu schwingen.
Dämmerung sank; fast saß man im Dunkel. Es leuchtete der
Zigarre feuriger Ring bei jedem Zug, noch einmal, immer noch, bis
Schuhlin ein Überbleibsel in die Schale warf und zerdrückte.
Dann gab er Neander die Hand, schien dessen gespenstische
Grimasse nicht zu bemerken, ging in sein Zimmer hinaus. Klara, das
entflammte Auge in Neanders erstarrten Blick gedreht, folgte
unmittelbar. Da der Geplünderte allein stand, brach ihm das Haupt von
einer Axt angeschlagen auf die Brust, aus der ein einziger Ton
heraufgrollte. Den hört hinter der Tür die Frau, und während er ihr in
allen Sinnen wohltut, überläßt sie sich schrankenlos ihrem größeren
Glück.
Als sie, Federn schüttelnd, von Schuhlins Bett her durch die
Pforte zurücktritt – ihres stets zu erneuenden Sieges Glanz stand ihr
als Stern zu Häupten –
Da sie der Stahl aus Neanders Hand, ins Herz gestoßen, schon
hingeworfen hatte, des Totschlägers entseelter Leib, über sie stürzend,
an die geschlossene Tür schlägt, in diesem Augenblick dreht Schuhlin
sich ermuntert der Nachtlampe zu, beginnt, die Brust weitend, Arme von
sich stemmend und wieder anziehend, kraft- und glücksgeschwellt, unter
lateinisch A und B Zahlen zu malen, deren Summe ihm seines Daseins
materielle Sicherheit gewährleisten soll.
Andern Tages sah er überrascht, daß die gefundene Ausrechnung hinfällig geworden war.
Sanfte Trauer hindert ihn nicht, unverzüglich neue Verbindungen
zu suchen, die ihm die Mittel zu jenem Leben, das er als ihm gemäß und
seiner Bedeutung zukommend, ein für allemal erkannt hatte, sichern
sollen.
(Aus dem 1918 erschienenen Novellenzyklus 'Chronik des 20. Jahrhunderts. Beginn')
ZUM GEBURTSTAG DES SCHRIFTSTELLERS
Über den Autor (1878-1942)
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