Mehr erlebt? Niemand erlebt mehr als ein anderer; jeder erlebt im Maße der Zeit, und dieses Maß hat nur eine
Eichung, faßt nicht verschiedene Mengen. Ich habe nicht mehr erlebt als
die meisten. Ich habe erlebt wie alle Menschen meines Alters: vom
Morgen zum Abend und vom Abend zum Morgen, im Wachen und im Schlafen, im
Gehen, Stehen und Sitzen, im Arbeiten und im Träumen, im Spiel, in der
Liebe und im Kampf. Ich habe anderes erlebt als die meisten – das wird
wohl wahr sein. Kommt es darauf viel an? Etwas vielleicht. Es kommt an
auf die Intensität des Erlebens, auf die Beteiligung von Geist und Seele
am äußeren Geschehen, auf Impuls und Heftigkeit der Mitwirkung an Leben
und Erlebnis. Es kann aber nicht Sache des Memoirenschreibers sein, zu
bestimmen, mit wieviel Kraft sein seelischer Motor läuft. Über die
Richtung der Erlebnisse, in die mein Temperament mich drängte, kann ich
aussagen, nicht über den Grad der Wallungen, die die Erlebnisse
bewirkten. Den mögen die Nekrologe post mortem ermessen an Hand der
kontrollierbaren Niederschläge des Charakters, der Gedichte und
Aufsätze, der Tagebücher und Briefe, der sichtbar gewordenen Einwirkung
auf den Gang der öffentlichen Dinge, meinetwegen auch der Anekdoten, die
nahe Freunde und gelegentliche Bekannte des Erzählens wert halten
mögen. Wozu also Memoiren schreiben?
Es kann sein, daß nur derjenige anderes erlebt als die meisten, der
anders erlebt als sie. Es liegt mir aber wenig, vor unbekannten Lesern
Beichten abzulegen von meinen Freuden, Schmerzen, Gefühlen und
Empfindungen, von der ganzen Art meines Reagierens auf die Erscheinungen
meiner Umwelt – es sei denn in den selten gewordenen lyrischen
Auslassungen, die aus dem Drange entstehen, sich selbst Rechenschaft zu
geben, und die man drucken läßt – warum eigentlich?: aus Eitelkeit,
literarischem Ehrgeiz, seelischem Exhibitionsdrang, der das
Charakteristikum des Künstlers ist, oder – nun ja, weil bei genügendem
Abstand vom lyrisch geformten Gegenstand das Gedicht seinem Autor auch
unter dem Gesichtspunkt der pekuniären Ertragsfähigkeit interessant
wird. Memoiren schreibt man gleich für andere. Daher habe ich die
Frage: Was gehen andere Leute meine Erlebnisse an? besser so zu
formulieren: Welche meiner Erlebnisse gehen andere Leute an? Worauf zu
antworten wäre: diejenigen, die nicht meine Erlebnisse allein sind,
sondern in irgendwelcher Beziehung zur Zeitgeschichte, zur Kultur und
zur Kennzeichnung der Gegenwart stehen.
Es gibt noch etwas anderes zu bedenken, bevor ans
Werk gegangen werden darf, rückschauend Erinnerungen zu sammeln.
Memoiren schreiben heißt Inventur aufnehmen, heißt Erlebnisse
registrieren, heißt einen Schlußstrich ziehen unter eine abgeschlossene
Rechnung. Mir kommt es um so mehr zu, mich mit diesem Bedenken
auseinanderzusetzen, als eine meiner unangenehmsten Erinnerungen, die
mir bis heute als Vorwurf gegen mich selbst im Gedächtnis geblieben ist,
eben mit dem Einwand gegen das Memoirenschreiben zusammenhängt, der
hier zu erörtern ist. In der Einleitung des dritten Bandes seiner
gesammelten Werke, die nach seinem Tode von Freunden herausgegeben
wurden (bei Egon Fleischel 1907), sagt Heinrich Hart zu seinen
»Literarischen Erinnerungen«:
»Als ich einige Bruchstücke dieser Erinnerungen im ›Tag‹ veröffentlicht hatte, machte ein lieber Freund die liebevolle
Bemerkung: Erinnerungen pflegt man zum besten zu geben, wenn man sich
am Abend seines Lebens, seine Kräfte ermatten fühlt und die produktive
Epoche seines Daseins hinter sich hat. Leider werde ich wohl so boshaft
sein, mit meiner Person diese Hoffnung nicht zu bestätigen, werde mich
schwerlich schon jetzt vom Mitlauf und Mitringen in der großen Arena
zurückziehen.«
Leider zog er sich doch recht bald nach dieser
Verwahrung aus der großen Arena zurück; er starb im Juni 1906, die
liebevolle Bemerkung, die er zitiert, hatte ungefähr 1904 im »Magazin
für Literatur« gestanden, der liebe Freund aber, der sie gemacht hatte,
war ich. Ich hätte sie ihm bestimmt abgebeten, wenn die Zeit ihr Gras
statt über Heinrich Harts Grab über die keineswegs wichtigen
Verstimmungen hätte wachsen lassen, die der Anlaß meiner Bosheit waren.
Mögen denn jetzt nach mehr als zwanzig Jahren seine Manen die Abbitte
entgegennehmen, die ich gern und dankbar leiste, denn Heinrich Hart war
derjenige, der mich bei dem Ursprung aus dem bürgerlichen Beruf eines
Apothekergehilfen ins Ungewisse dessen, was mir Freiheit schien und was
sich auf dem schwanken Grunde der erwerbsmäßigen Schriftstellerei
aufbauen sollte, ermutigte und förderte und mir so lange ein selbstloser
und guter Berater war, bis mein Enthusiasmus für die von ihm und seinem
Bruder Julius Hart begründete »Neue Gemeinschaft« verflogen war und
mein rebellisches Temperament mich steinigere Wege aufsuchen ließ.
Sachliche Differenzen wuchsen sich zu persönlichen aus, wobei mir
Unrecht geschah, was ich sehr schwernahm. Meine Rache aber schoß in die
verkehrte Ecke – auf Heinrich Hart, der an den Stänkereien gegen mich,
die ich damals für Intrigen und noch Ärgeres hielt, gar keinen Anteil
hatte. Sollte es also dazu kommen, daß ich meine Memoiren doch schreibe,
so sei das Schuldkonto gegen den ersten Mentor meines literarischen
Lebensweges gleich anfangs aufgezeigt und durch ein lautes Peccavi! zu
begleichen versucht. Von Heinrich und Julius Hart und von der Neuen Gemeinschaft wird dann noch mancherlei Friedliches zu erzählen sein.
Was ich aber als Sechsundzwanzigjähriger in
Bitterkeit und um zu verletzen schrieb, hat das nicht, losgelöst von
allem Persönlichen, dennoch seine volle Berechtigung? Ich finde: ja. Man
kann nicht mitten »in der großen Arena« im »Mitlauf und Mitringen«
einhalten, geruhsam Platz nehmen, am Bleistift lecken und jede Kurve des
Wettlaufs, jeden Griff des Ringkampfs notieren, um sofort wieder in die
Hände zu spucken und weiter zu starten. In der Tat habe ich
Aufforderungen, ich solle Erinnerungen schreiben, aus der Buntheit und
Fülle meiner Begegnungen und Abenteuer ein Buch schaffen – und solche
Anregungen sind schon früher oft an mich herangetreten –, noch immer mit
dem Einwand abgewiesen, ich sei noch nicht fertig mit meiner Biographie, das Material sei noch nicht beisammen, ich stecke noch mittendrin im Erleben.
Selbst in der mehr als fünfeinhalbjährigen
bayerischen Gefangenschaft, die mir die Muße zu solcher Arbeit viel
leichter gewährt hätte als zu großen literarischen Unternehmungen
anderer Art, zu denen ich dank der Behinderungen durch den Strafvollzug
die Konzentration nicht fand – selbst in Niederschönenfeld konnte ich
mich nicht dazu entschließen, Memoiren zu schreiben. Dazu brachte gerade
dort jeder Tag zu heftige Erregungen und seelische Erschütterungen;
dazu stand auch der Aufenthalt in der Festung in zu enger Verbindung mit
den Vorgängen, die mich hineingebracht hatten und die immerhin den
bewegtesten Teil meiner Erlebnisse ausmachen. Die Erlebnisse, die ich zu
Memoiren sortieren sollte, waren noch brausende Gegenwart, die
Gegenwart aber läßt sich nicht in Erinnerungen zerlegen.
Die Arena des politischen Kampfes, des
Meinungskampfes, hat mich bisher nicht freigegeben, wird mich auch nie
freigeben, solange nicht Ziele erreicht sind, die nicht die Ziele der
Leser dieser Bekenntnisse sind. Politische Memoiren denke ich somit in absehbarer Zeit nicht zu
schreiben. Vielleicht werde ich einmal im Rollstühlchen sitzen, müde,
runzlig und resigniert – dann mag meinetwegen auch auf dem Gebiet des
sozialen Geschehens der erzählende Schriftsteller den Agitator,
Propagandisten und auf öffentliches Wirken bedachten Menschen ablösen.
Die Frage erhebt sich: Läßt sich Leben und Schicksal eines in
verschiedenen Bezirken geistiger Regsamkeit tätigen Individuums im
Ausschnitt betrachten? Kann ich den Teil meiner Daseinsbemühungen, der
um Wandlung von Welt und Gesellschaft geht, herausnehmen aus meinen
Erinnerungen und Rückschau halten nur auf Begebenheiten, die außerhalb
des politischen Kampfplatzes geschahen? Ich glaube, das wird möglich
sein. Gerade meine Vergangenheit lief viele Jahre auf zwei getrennten
Geleisen, und wenn die Schienen auch manchmal einander eng berührten
oder selbst schnitten, so war ich doch streng bedacht, die Züge, deren
einen ich als Passagier benutzte, deren anderm ich die Weichen zu
stellen strebte, nicht aneinanderfahren zu lassen.
Ich galt ja wohl lange Zeit als »Prototyp eines
Kaffeehausliteraten«, und doch war es für niemanden ein Geheimnis, daß
ich in Arbeiterzirkeln verkehrte, mit Zettelverteilung und
Hauspropaganda Kleinarbeit tat, an Gruppenabenden Vorträge und in
öffentlichen Versammlungen Agitationsreden hielt. Ich stand als
Angeklagter in politischen Prozessen vor dem Strafrichter, und jeder
wußte, daß ich im Privatleben unter Künstlern zigeunerte, in Kabaretts
lustige Gedichte, Schüttelreime und allerlei Bosheiten vortrug, mich in
Berlin, München, Zürich, Genf, Florenz, Paris, Wien herumtrieb, in
fidelen Ateliers, ein Mädel auf dem Schoß, schlechte Witze riß, mit den
zeitlosen Schwärmern der Boheme, wie dem prachtvollen Friedrich von
Schennis, ganze Nächte durch zechte und mit vielen berühmten Leuten, die
ich – nicht immer bloß für mich – anpumpte, befreundet war.
»Sie reiten stehend auf zwei Gäulen«, sagte mir einmal Frank Wedekind, »die nach verschiedenen Richtungen streben; sie werden Ihnen die Beine auseinanderreißen.« – »Wenn ich einen laufen lasse«, erwiderte ich, »verliere ich die Balance und breche mir das Genick.«
Heute stimmt das Bild nicht mehr. Krieg,
Revolution, Gefängnis, nahes Mitleben schwerer Schicksale, tiefgehende
Veränderungen der Umwelt, daneben auch wohl das Nachlassen der
physischen Elastizität, wachsende Neigung zur Regelmäßigkeit und die
Schaffung eines eigenen Hausstandes haben meinem Lebensritt das
Zirkusmäßige abgewöhnt. Wenn mich mein Gefühl nicht täuscht, sitze ich
nun fest im Sattel, wenn auch gerade auf dem Pferd, von dem Wedekind
mich gern befreit gesehen hätte; das andere, das geflügelte, führe ich
neben mir an der Trense und lasse mich nur in Feierstunden von ihm
tragen. Ihr Futter aber erhalten beide aus derselben Krippe.
Ich blicke zurück. Hinter mir liegt das
Kaffeehaus, die Boheme, der ungefegte Ballsaal des sorglosen
Lebensspiels: Erinnerung – schöne, frohe, liebenswerte Erinnerung; aber
keine Sehnsucht nach dem Vergangenen; keine Spur eines Zurückverlangens
nach jenen Freuden und Gefahren des Zigeunertums. Das ist vorbei; das
liegt hinter mir – endgültig. So wäre denn wohl nichts mehr dagegen
einzuwenden, in diesem Teil meiner Vergangenheit, von dem der Gegenwart
kaum etwas mehr gehört, zu graben. Ein paar hübsche Anekdoten werden
dabei jedenfalls zutage kommen, ein paar Lichter werden auf die
Charakterbilder von Menschen fallen, die ihrer Zeit von ihrem Geiste
gaben; ein paar Persönlichkeiten, zu Unrecht vergessen oder verkannt,
werden aus dem Schatten gehoben werden. Vielleicht lohnt es wirklich, im
Gedächtnis zu wühlen und einige Kleinigkeiten zusammenzutragen, von
denen dies und jenes späterhin einmal einem fleißigen Seminaristen als
Beitrag zu seiner literarhistorischen Doktordissertation dienen mag.
Unpolitische Erinnerungen eines politischen
Menschen! Aber warum soll ein Ackerbauer nicht, ehe das Korn schnittreif
ist, die Blumen holen aus seinem herbstelnden
Garten? Die Arbeit auf dem Felde wird darum doch getan. Ich soll
Memoiren schreiben? Ich werde euch, meine Freunde, hin und wieder ein
paar Blumen aus dem Garten holen. Aber ich habe, wenn auch die Fünfzig
bald da sind, auf meinem Ackerfelde noch viel zu tun.
ZUM GEBURTSTAG DES SCHRIFTSTELLERS
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