Mit der Homöopathie ist es ganz anders. Sie kann jeden Nachdenkenden leicht überzeugen, dass die Krankheiten der Menschen auf keinem Stoff, keiner Schärfe, das heißt auf keiner Krankheits-Materie beruhen, sondern nur geistartige (dynamische) Verstimmungen der geistartigen Kraft sind, die den Körper des Menschen belebt (Lebensprinzip, Lebenskraft). Die Homöopathie weiß, dass Heilung nur durch Gegenwirkung der Lebenskraft gegen die eingenommene, richtige Arznei erfolgen kann. Die Heilung ist umso gewisser und schneller, je kräftiger beim Kranken seine Lebenskraft noch vorwaltet. Die Homöopathie vermeidet selbst die mindeste Schwächung, auch möglichst jede Schmerz-Erregung, weil Schmerz die Kräfte raubt. Zum Heilen verwendet sie bloß solche Arzneien, deren Vermögen, das Befinden (dynamisch) zu verändern und umzustimmen, sie genau kennt. Sie sucht eine heraus, deren Befinden verändernde Kräfte (Arzneikrankheit) die vorliegende natürliche Krankheit durch Ähnlichkeit (similia similibus [= Ähnliches mit Ähnlichem]) aufheben können. Diese Arznei gibt sie einfach, in feinen Gaben (so klein, dass sie, ohne Schmerz oder Schwächung zu verursachen, eben ausreichen, das natürliche Übel aufzuheben) dem Kranken ein. Die Folge davon ist, dass die natürliche Krankheit ausgelöscht wird, ohne ihm im Mindesten zu schwächen, zu peinigen oder zu quälen. Der Kranke erstarkt schon bald während der Besserung und ist geheilt. Dieses zwar leicht scheinende, doch sehr nachdenkliche, mühsame und schwere Geschäft, das die Kranken in kurzer Zeit, ohne Beschwerden und völlig zur Gesundheit wiederherstellt, wird so ein heilbringendes und beseligendes Geschäft.
(Aus dem erstmals 1810 – unter dem Titel 'Organon der rationellen Heilkunde' – erschienenen homöpathischen Grundlagenwerk)
ZUM GEBURTSTAG DES ARZTES
Über den Autor (1755-1843)
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