Samstag, 4. April 2015

Hermann Cohen: Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums

Wie bei Platon aus der Unsterblichkeit der Seelenbegriff als Inbegriff des Bewusstseins eruiert werden soll, so soll in der jüdischen Unsterblichkeitslehre der Menschenbegriff für die Korrelation von Mensch und Gott zur Entfaltung kommen. Demgemäß empfängt die Unsterblichkeit hier den der messianischen Zukunft analogen Terminus der zukünftigen Welt, Olam [= Welt] hat in der hebräischen Sprache schon die Nebenbedeutung der Ewigkeit.

Schon die zukünftige Zeit trägt diese Ewigkeit der Entwicklung in sich. Und die Ewigkeit als Welt macht an sich die Menschenseele zu einem Träger der unendlichen Entwicklung. Aber diese Entwicklung hat immer die einheitliche Aufgabe, die Korrelation von Mensch und Gott zu steigern, zu erhöhen und inniger zu durchdringen. Daher ist es ein bestätigendes Symptom, dass der Begriff der Frömmigkeit selbst durch dieses Vehikel der Unsterblichkeit dem Menschenbegriffe gemäß verinnerlicht werde. Diese Verinnerlichung musste als Konsequenz des Monotheismus empfunden werden. Der Noachide war ja zur Erzeugung gekommen. So musste denn auch ausdrücklich für die Zukunft der Fromme der Völker der Welt zur Formulierung kommen. In ihr erst kam der messianische Menschenbegriff zur Vollendung.

(Aus dem Kapitel 'Unsterblichkeit und Auferstehung' der 1919 erschienenen nachgelassenen Schrift)

ZUM TODESTAG DES PHILOSOPHEN

Über den Autor (1842-1918)

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