Fragt man nach den Aussichten, dem praktischen Werthe und der voraussichtlichen Entwickelung der drahtlosen Telegraphie, so wird man nach dem heute möglichen Ueberblick ungefähr Folgendes sagen:
Der Werth als ein verbesserter Signaldienst, der unabhängig ist von jedem Wetter, von Tageszeit, von Nebel, Regen und Schnee ist bereits anerkannt. Dieser wird für viele Fälle bleiben, selbst wenn die Hoffnung, die Stationen von einander unabhängig zu machen, sich nicht in dem Maasse, wie man es wünschen möchte, erfüllen sollte.
Starke Geberwirkung – abgestimmte Empfängerwirkung werden zunächst die Ziele sein. Werden sie auch nur innerhalb mässiger Grenzen erreicht, so ist ausreichende Gelegenheit zu praktischer Verwendung vorhanden. Es giebt Küsten genug, gegenüber gelegene Inseln, wenig bevölkerte Gegenden, wo eine Kabelverbindung nicht lohnt, einer Telegraphenleitung von Stürmen, wilden Thieren oder (unverständigen) Menschen Gefahr droht. An der Verwerthung für militärische Zwecke besteht in allen Staaten grosses Interesse.
Als Illusion wird man es aber – voraussichtlich für alle Zeiten – bezeichnen müssen, wenn man hofft, damit die Drahttelegraphie beseitigen zu können. Wie die sicherste schriftliche Verbindung ein geschlossener Brief ist, so giebt der Draht da, wo er anwendbar ist, die sicherste discrete Verbindung zweier Punkte. Das Ziel, dass eine Depesche nicht von einem Unbefugten mit aufgenommen werden kann – ein Schicksal, welchem bekanntlich auch die Drahttelegraphie unterliegen kann – ist nicht aussichtslos, bis jetzt aber nicht erreicht.
Man legt einem Kinde die besten Wünsche in die Wiege, man freut sich, wenn es sich denselben entsprechend entwickelt – wer aber vermag nach fünf Jahren schon mit Sicherheit zu sagen, wie es als Mann sich bewähren wird? Es wird sich auswachsen und etwas leisten, wenn es auch keinen Herkules giebt.
(Schlussbetrachtungen in der 1901 erschienenen Schrift)
ZUM TODESTAG DES PHYSIKERS
Über den Autor (1850-1918)
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