Von Zeit zu Zeit hat man Preisaufgaben über die Frage gestellt, welche
Fortschritte die Philosophie in einem bestimmten Zeitraume gemacht habe.
Der Zeitabschnitt pflegte auf der einen Seite durch den Namen eines
großen Denkers, auf der anderen durch die "Gegenwart" abgegrenzt zu
werden. Man schien also vorauszusetzen, daß über die philosophischen
Fortschritte der Menschheit bis zu jenem Denker hin einigermaßen
Klarheit herrsche, daß es aber von da ab zweifelhaft sei, welche neuen
Errungenschaften die letzte Zeit hinzugefügt habe.
Aus solchen Fragen spricht deutlich ein Mißtrauen gegen die Philosophie
der jeweils jüngst vergangenen Zeit, und man hat den Eindruck, als sei
die gestellte Aufgabe nur eine verschämte Formulierung der Frage: Hat
denn die Philosophie in jenem Zeitraum überhaupt irgendwelche
Fortschritte gemacht? Denn wenn man sicher wäre, daß Errungenschaften da
sind, so wüßte man wohl auch, worin sie bestehen.
Wenn die ältere Vergangenheit mit geringerer Zweifelsucht betrachtet
wird und wenn man eher geneigt ist, in ihrer Philosophie eine
aufsteigende Entwicklung anzuerkennen, so dürfte dies seinen Grund darin
haben, daß man allem, was schon historisch geworden ist, mit größerer
Ehrfurcht gegenübersteht; es kommt hinzu, daß die älteren Philosopheme
wenigstens ihre historische Wirksamkeit bewiesen haben, daß man daher
bei ihrer Betrachtung ihre historische Bedeutung anstelle der sachlichen
zugrundelegen kann, und dies um so eher, als man oft zwischen beiden
gar nicht zu unterscheiden wagt.
Aber gerade die besten Köpfe unter den Denkern glaubten selten an
unerschütterliche, bleibende Ergebnisse des Philosophierens früherer
Zeiten und selbst klassischer Vorbilder; dies erhellt daraus, daß im
Grunde jedes neue System wieder ganz von vorn beginnt, daß jeder Denker
seinen eigenen festen Boden sucht und sich nicht auf die Schultern
seiner Vorgänger stellen mag. Descartes fühlt sich (nicht ohne Recht)
durchaus als einen Anfang; Spinoza glaubt mit der (freilich recht
äußerlichen) Einführung mathematischer Form die endgültige
philosophische Methode gefunden zu haben; und Kant war davon überzeugt,
daß auf dem von ihm eingeschlagenen Wege die Philosophie nun endlich den
sichern Gang einer Wissenschaft nehmen würde. Weitere Beispiele sind
billig, denn fast alle großen Denker haben eine radikale Reform der
Philosophie für notwendig gehalten und selbst versucht.
Dieses eigentümliche Schicksal der Philosophie wurde so oft geschildert
und beklagt, daß es schon trivial ist, davon überhaupt zu reden, und daß
schweigende Skepsis und Resignation die einzige der Lage angemessene
Haltung zu sein scheint. Alle Versuche, dem Chaos der Systeme ein Ende
zu machen und das Schicksal der Philosophie zu wenden, können, so
scheint eine Erfahrung von mehr als zwei Jahrtausenden zu lehren, nicht
mehr ernst genommen werden. Der Hinweis darauf, daß der Mensch
schließlich die hartnäckigsten Probleme, etwa das des Dädalus, gelöst
habe, gibt dem Kenner keinen Trost, denn was er fürchtet, ist gerade,
daß die Philosophie es nie zu einem echten "Problem" bringen werde.
Ich gestatte mir diesen Hinweis auf die so oft geschilderte Anarchie der
philosophischen Meinungen, um keinen Zweifel darüber zu lassen, daß ich
ein volles Bewußtsein von der Tragweite und Inhaltsschwere der
Überzeugung habe, die ich nun aussprechen möchte. Ich bin nämlich
überzeugt, daß wir in einer durchaus endgültigen Wendung der Philosophie
mitten darin stehen und daß wir sachlich berechtigt sind, den
unfruchtbaren Streit der Systeme als beendigt anzusehen. Die Gegenwart
ist, so behaupte ich, bereits im Besitz der Mittel, die jeden derartigen
Streit im Prinzip unnötig machen; es kommt nur darauf an, sie
entschlossen anzuwenden.
Diese Mittel sind in aller Stille, unbemerkt von der Mehrzahl der
philosophischen Lehrer und Schriftsteller, geschaffen worden, und so hat
sich eine Lage gebildet, die mit allen früheren unvergleichbar ist. Daß
die Lage wirklich einzigartig und die eingetretene Wendung wirklich
endgültig ist, kann nur eingesehen werden, indem man sich mit den neuen
Wegen bekannt macht und von dem Standpunkte, zu dem sie führen, auf alle
die Bestrebungen zurückschaut, die je als "philosophische" gegolten
haben.
Die Wege gehen von der Logik aus. Ihren Anfang hat Leibniz
undeutlich gesehen, wichtige Strecken haben in den letzten Jahrzehnten
Gottlob Frege und Bertrand Russell erschlossen, bis zu der entscheidenden Wendung aber ist zuerst Ludwig Wittgenstein (im "Tractatus logico-philosophicus", 1922) vorgedrungen.
Bekanntlich haben die Mathematiker in den letzten Jahrzehnten neue
logische Methoden entwickelt, zunächst zur Lösung ihrer eigenen
Probleme, die sich mit Hilfe der überlieferten Formen der Logik nicht
bewältigen ließen; dann aber hat die so entstandene Logik auch sonst
ihre Überlegenheit über die alten Formen längst bewiesen und wird diese
zweifellos bald ganz verdrängt haben. Ist nun diese Logik das große
Mittel, von dem ich vorhin sagte, es sei imstande, uns im Prinzip aller
philosophischen Streitigkeiten zu entheben, liefert sie uns etwa
allgemeine Vorschriften, mit deren Hilfe alle traditionellen Fragen der
Philosophie wenigstens prinzipiell aufgelöst werden können?
Wäre dies der Fall, so hätte ich kaum das Recht gehabt zu sagen, daß
eine völlig neue Lage geschaffen sei, denn es würde dann nur ein
gradueller, gleichsam technischer Fortschritt erzielt sein, sowie etwa
die Erfindung des Benzinmotors schließlich die Lösung des Flugproblems
ermöglichte. So hoch aber auch der Wert der neuen Methode zu schätzen
ist: durch die bloße Ausbildung einer Methode kann niemals etwas so
Prinzipielles geleistet werden. Nicht ihr selbst ist daher die große
Wendung zu danken, sondern etwas ganz anderem, das durch sie wohl erst
möglich gemacht und angeregt wurde, aber in einer viel tieferen Schicht
sich abspielt; das ist die Einsicht in das Wesen des Logischen selber.
Daß das Logische in irgendeinem Sinne das rein Formale ist, hat
man früh und oft ausgesprochen; dennoch war man sich über das Wesen der
reinen Formen nicht wirklich klar gewesen. Der Weg zur Klarheit darüber
geht von der Tatsache aus, daß jede Erkenntnis ein Ausdruck, eine
Darstellung ist. Sie drückt nämlich den Tatbestand aus, der in ihr
erkannt wird, und dies kann auf beliebig viele Weisen, in beliebigen
Sprachen, durch beliebige willkürliche Zeichensysteme geschehen; alle
diese möglichen Darstellungsarten, wenn anders sie wirklich dieselbe
Erkenntnis ausdrücken, müssen eben deswegen etwas gemeinsam haben, und
dies Gemeinsame ist ihre logische Form.
So ist alle Erkenntnis nur vermöge ihrer Form Erkenntnis; durch sie
stellt sie die erkannten Sachverhalte dar, die Form selbst aber kann
ihrerseits nicht wieder dargestellt werden; auf sie allein kommt es bei
der Erkenntnis an, alles übrige daran ist unwesentlich und zufälliges
Material des Ausdrucks, nicht anders als etwa die Tinte, mit der wir
einen Satz niederschreiben.
Diese schlichte Einsicht hat Folgen von der allergrößten Tragweite.
Durch sie werden zunächst die traditionellen Probleme der
"Erkenntnistheorie" abgetan. An die Stelle von Untersuchungen des
menschlichen "Erkenntnisvermögens" tritt, soweit sie nicht der
Psychologie überantwortet werden können, die Besinnung über das Wesen
des Ausdrucks, der Darstellung, d. h. jeder möglichen "Sprache" im
allgemeinsten Sinne des Wortes. Die Fragen nach der "Geltung und den
Grenzen der Erkenntnis" fallen fort. Erkennbar ist alles, was sich
ausdrücken läßt, und das ist alles, wonach man sinnvoll fragen kann. Es
gibt daher keine prinzipiell unbeantwortbaren Fragen, keine prinzipiell
unlösbaren Probleme. Was man bisher dafür gehalten hat, sind keine
echten Fragen, sondern sinnlose Aneinanderreihungen von Worten, die zwar
äußerlich wie Fragen aussehen, da sie den gewohnten Regeln der
Grammatik zu genügen scheinen, in Wahrheit aber aus leeren Lauten
bestehen, weil sie gegen die tiefen inneren Regeln der logischen Syntax
verstoßen, welche die neue Analyse aufgedeckt hat.
Wo immer ein sinnvolles Problem vorliegt, kann man theoretisch stets
auch den Weg angeben, der zu seiner Auflösung führt, denn es zeigt sich,
daß die Angabe dieses Weges im Grund mit der Aufzeigung des Sinnes
zusammenfällt; die praktische Beschreitung des Weges kann natürlich
dabei durch tatsächliche Umstände, z. B. mangelhafte menschliche
Fähigkeiten, verhindert sein. Der Akt der Verifikation, bei dem der Weg
der Lösung schließlich endet, ist immer von derselben Art: es ist das
Auftreten eines bestimmten Sachverhaltes, das durch Beobachtung, durch
unmittelbares Erlebnis konstatiert wird. Auf diese Weise wird in der Tat
im Alltag wie in jeder Wissenschaft die Wahrheit (oder Falschheit)
jeder Aussage festgestellt. Es gibt also keine andere Prüfung und
Bestätigung von Wahrheiten als die durch Beobachtung und
Erfahrungswissenschaft. Jede Wissenschaft (sofern wir bei diesem Worte
an den Inhalt und nicht an die menschlichen Veranstaltungen zu seiner
Gewinnung denken) ist ein System von Erkenntnissen, d. h. von wahren
Erfahrungssätzen; und die Gesamtheit der Wissenschaften, mit Einschluß
der Aussagen des täglichen Lebens, ist das System der
Erkenntnisse; es gibt nicht außerhalb seiner noch ein Gebiet
"philosophischer" Wahrheiten, die Philosophie ist nicht ein System von
Sätzen, sie ist keine Wissenschaft.
Was ist sie aber dann? Nun, zwar keine Wissenschaft, aber doch etwas so
Bedeutsames und Großes, daß sie auch fürder, wie einst, als die Königin
der Wissenschaften verehrt werden darf; denn es steht ja nirgends
geschrieben, daß die Königin der Wissenschaften selbst auch eine
Wissenschaft sein müßte. Wir erkennen jetzt in ihr - und damit ist die
große Wendung in der Gegenwart positiv gekennzeichnet - anstatt eines
Systems von Erkenntnissen ein System von Akten; sie ist nämlich diejenige Tätigkeit, durch welche der Sinn
der Aussagen festgestellt oder aufgedeckt wird. Durch die Philosophie
werden Sätze geklärt, durch die Wissenschaften verifiziert. Bei diesen
handelt es sich um die Wahrheit von Aussagen, bei jener aber darum, was
die Aussagen eigentlich meinen. Inhalt, Seele und Geist der Wissenschaft stecken natürlich in dem, was mit ihren Sätzen letzten Endes gemeint
ist; die philosophische Tätigkeit der Sinngebung ist daher das Alpha
und Omega aller wissenschaftlichen Erkenntnis. Dies hat man wohl richtig
geahnt, wenn man sagte, die Philosophie liefere sowohl die Grundlage
wie den Abschluß des Gebäudes der Wissenschaften; irrig war nur die
Meinung, daß das Fundament von "philosophischen Sätzen" gebildet werde
(den Sätzen der Erkenntnistheorie), und daß der Bau auch von einer
Kuppel philosophischer Sätze (genannt Metaphysik) gekrönt werde.
Daß die Arbeit der Philosophie nicht in der Aufstellung von Sätzen
besteht, daß also die Sinngebung von Aussagen nicht wiederum durch
Aussagen geschehen kann, ist leicht einzusehen. Denn wenn ich etwa die
Bedeutung meiner Worte durch Erläuterungssätze und Definitionen angebe,
also mit Hilfe neuer Worte, so muß man weiter nach der Bedeutung dieser
anderen Worte fragen, und so fort. Dieser Prozeß kann nicht ins
Unendliche gehen, er findet sein Ende immer nur in tatsächlichen
Aufweisungen, in Vorzeigungen des Gemeinten, in wirklichen Akten also;
nur diese sind keiner weiteren Erläuterung fähig und bedürftig; die
letzte Sinngebung geschieht mithin stets durch Handlungen, sie machen die philosophische Tätigkeit aus.
Es war einer der schwersten Irrtümer vergangener Zeiten, daß man
glaubte, den eigentlichen Sinn und letzten Inhalt wiederum durch
Aussagen zu formulieren, also in Erkenntnissen darstellen zu können; es
war der Irrtum der "Metaphysik". Das Streben der Metaphysiker war von
jeher auf das widersinnige Ziel gerichtet (vgl. meinen Aufsatz "Erleben,
Erkennen, Metaphysik", Kantstudien, jetzt in diesem Buche S.1 ff.), den
Inhalt reiner Qualitäten (das "Wesen" der Dinge) durch Erkenntnisse
auszudrücken, also das Unsagbare zu sagen; Qualitäten lassen sich nicht
sagen, sondern nur im Erlebnis aufzeigen, Erkenntnis aber hat damit
nichts zu schaffen.
So fällt die Metaphysik dahin, nicht weil die Lösung ihrer Aufgabe ein
Unterfangen wäre, dem die menschliche Vernunft nicht gewachsen ist (wie
etwa Kant meinte), sondern weil es diese Aufgabe gar nicht gibt. Mit der
Aufdeckung der falschen Fragestellung wird aber zugleich die Geschichte
des metaphysischen Streites verständlich.
Überhaupt muß unsere Auffassung, wenn sie richtig ist, sich auch
historisch legitimieren. Es muß sich zeigen, daß sie imstande ist, von
dem Bedeutungswandel des Wortes Philosophie einigermaßen Rechenschaft zu
geben.
Dies ist nun wirklich der Fall. Wenn im Altertum, und eigentlich bis in
die neuere Zeit hinein, Philosophie einfach identisch war mit jedweder
rein theoretischen wissenschaftlichen Forschung, so deutet das darauf
hin, daß die Wissenschaft sich eben in einem Stadium befand, in welchem
sie ihre Hauptaufgabe noch in der Klärung der eigenen Grundbegriffe
sehen mußte; und die Emanzipation der Einzel Wissenschaften von ihrer
gemeinsamen Mutter Philosophie ist der Ausdruck davon, daß der Sinn
gewisser Grundbegriffe klar genug geworden war, um mit ihnen erfolgreich
weiterarbeiten zu können. Wenn ferner auch gegenwärtig noch z. B. Ethik
und Ästhetik, ja manchmal sogar Psychologie als Zweige der Philosophie
gelten, so zeigen diese Disziplinen damit, daß sie noch nicht über
ausreichend klare Grundbegriffe verfügen, daß vielmehr ihre Bemühungen
noch hauptsächlich auf den Sinn ihrer Sätze gerichtet sind. Und
endlich: wenn sich mitten in der fest konsolidierten Wissenschaft
plötzlich an irgendeinem Punkte die Notwendigkeit herausstellt, sich auf
die wahre Bedeutung der fundamentalen Begriffe von neuem zu besinnen,
und dadurch eine tiefere Klärung des Sinnes herbeigeführt wird, so wird
diese Leistung sofort als eine eminent philosophische gefühlt; alle sind
darüber einig, daß z. B die Tat Einsteins, die von einer Analyse des
Sinnes der Aussagen über Zeit und Raum ausging, eben wirklich eine
philosophische Tat war. Hier dürfen wir noch hinzufügen, daß die ganz
entscheidenden, epochemachenden Fortschritte der Wissenschaft immer von
dieser Art sind, daß sie eine Klärung des Sinnes der fundamentalen Sätze
bedeuten und daher nur solchen gelingen, die zur philosophischen
Tätigkeit begabt sind; das heißt: der große Forscher ist immer auch
Philosoph.
Daß häufig auch solche Geistestätigkeiten den Namen Philosophie tragen,
die nicht auf reine Erkenntnis, sondern auf Lebensführung abzielen,
erscheint gleichfalls leicht begreiflich, denn der Weise hebt sich von
der unverständigen Menge eben dadurch ab, daß er den Sinn der Aussagen
und Fragen über Lebensverhältnisse, über Tatsachen und Wünsche klarer
aufzuzeigen weiß als jene.
Die große Wendung der Philosophie bedeutet auch eine endgültige
Abwendung von gewissen Irrwegen, die seit der zweiten Hälfte des 19.
Jahrhunderts eingeschlagen wurden und zu einer ganz verkehrten
Einschätzung und Wertschätzung der Philosophie führen mußten: ich meine
die Versuche, ihr einen induktiven Charakter zu vindizieren und daher zu
glauben, daß sie aus lauter Sätzen von hypothetischer Geltung bestehe.
Der Gedanke, für ihre Sätze nur Wahrscheinlichkeit in Anspruch zu
nehmen, lag früheren Denkern fern; sie hätten ihn als mit der Würde der
Philosophie unverträglich abgelehnt. Darin äußerte sich ein gesunder
Instinkt dafür, daß die Philosophie den allerletzten Halt des Wissens
abzugeben hat. Nun müssen wir freilich in ihrem entgegengesetzten Dogma,
die Philosophie biete unbedingt wahre apriorische Grundsätze
dar, eine höchst unglückliche Äußerung dieses Instinktes erblicken,
zumal sie ja überhaupt nicht aus Sätzen besteht; aber auch wir glauben
an die Würde der Philosophie und halten den Charakter des Unsicheren und
bloß Wahrscheinlichen für unvereinbar mit ihr, und freuen uns, daß die
große Wendung es unmöglich macht, ihr einen derartigen Charakter
zuzuschreiben. Denn auf die sinngebenden Akte, welche die Philosophie
ausmachen, ist der Begriff der Wahrscheinlichkeit oder Unsicherheit gar
nicht anwendbar. Es handelt sich ja um Setzungen, die allen Aussagen
ihren Sinn als ein schlechthin Letztes geben. Entweder wir haben
diesen Sinn, dann wissen wir, was mit den Aussagen gemeint ist; oder wir
haben ihn nicht, dann stehen nur bedeutungsleere Worte vor uns und noch
gar keine Aussagen; es gibt kein drittes, und von Wahrscheinlichkeit
der Geltung kann keine Rede sein. So zeigt nach der großen Wendung die
Philosophie ihren Charakter der Endgültigkeit deutlicher als zuvor.
Nur vermöge dieses Charakters kann ja auch der Streit der Systeme
beendet werden. Ich wiederhole, daß wir ihn infolge der angedeuteten
Einsichten bereits heute als im Prinzip beendet ansehen dürfen, und ich
hoffe, daß dies auch auf den Seiten dieser Zeitschrift in ihrem neuen
Lebensabschnitt immer deutlicher sichtbar werden möge.
Gewiß wird es noch manches Nachhutgefecht geben, gewiß werden noch
jahrhundertelang Viele in den gewohnten Bahnen weiterwandeln;
philosophische Schriftsteller werden noch lange alte Scheinfragen
diskutieren, aber schließlich wird man ihnen nicht mehr zuhören und sie
werden Schauspielern gleichen, die noch eine Zeitlang fortspielen, bevor
sie bemerken, daß die Zuschauer sich allmählich fortgeschlichen haben.
Dann wird es nicht mehr nötig sein, über "philosophische Fragen" zu
sprechen, weil man über alle Fragen philosophisch sprechen wird, das heißt: sinnvoll und klar.
(Erster Aufsatz in der ab 1930 erschienenen Zeitschrift 'Erkenntnis')
ZUM GEBURTSTAG DES PHILOSOPHEN
Über den Autor (1882-1936)
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